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Wenn unser Herz daran hängt,
dann können wir alles erreichen.
 

Jedes Feuer ...
beginnt mit einem kleinen Funken.

Jeder Ozean ...
entsteht aus einem kleinen Tropfen.

Jede noch so große Reise ...
beginnt mit einem ersten Schritt ...
im Kopf!


Die Sage vom "langen Strumpfstricker von Eschbach", eine Geschichte hier aus dem Taunus, hatte mich im Mai 2009 regelrecht magisch in ihren Bann gezogen. Neben dem Titelhelden Wolf Becker interessierte mich immer mehr das Schicksal seiner Frau Jeannette, die ihrem entführten Mann vom Taunus bis nach Potsdam zu Fuß folgte. Mir gingen die Fragen nicht mehr aus dem Kopf: Was hat diese Frau damals bewegt, ihren kleinen Sohn Verwandten in die Betreuung zu übergeben, Haus und Heimat zu verlassen und in die Ungewissheit zu ziehen? Welche Hoffnungen und welche Ängste hatte sie? Was hat sie gefühlt?

Deshalb hatte ich mich im letzten Jahr entschlossen, diese Wanderung der "Beckerin von Eschbach" selbst zu unternehmen. Inzwischen bin ich wohlbehalten nach ca. 600 km Fußweg (inkl. Ausflüge an den Wochenenden und ungeplante Umwege) wieder zu Hause angekommen. Zunächst lade ich Euch ein, auf der folgenden Seite bereits von meinen Vorbereitungen zu lesen.

Nach und nach werde ich hier in den nächsten Tagen Auszüge aus meinem Reisetagebuch veröffentlichen!

Gerne nehme ich Anfragen für Erzählungsveranstaltungen dazu entgegen.

(Ich werde nämlich KEIN Buch schreiben, mich kann man nur "mit Haut und Haaren" erleben!
Wichtig nur: mind. 2 Stunden dafür einplanen, meine Zuhörer in Raben hatten nach fast 3 Stunden noch nicht genug von mir. Gerne erzähle ich am Lagerfeuer oder im Zelt, auf Strohballen, kuscheligen Sofas, Bühnen-Fußboden, Baumstämmen, im Gras ...


  05.05.2010 - Start der Geschichtenwanderung
1. Etappe - Von Schmitten-Treisberg nach Butzbach-Ostheim - 25 km

Kalt war es - wie Ihr an meinen Handschuhen seht - ungewöhnlich kalt für diesen sonnigen Mai-Morgen. Und doch waren viele gekommen, um mich vor meinem Haus zur Wanderschaft zu verabschieden. Reichlich Glücksbringer bekam ich mit, hier eine Krähenfeder von Jürgen Fischer und seine Rosi steuerte noch ein selbstgeschmiedetes Hufeisen bei. Alles fand an meiner Kleidung, Rucksack oder Gürtel Platz. Einigen Dorfbewohnern standen sogar die Tränen in den Augen. Ich glaube sie fühlten sich an die gute, längst vergangene Zeit erinnert,

als es noch völlig normal war, dass sich Treisberger die Welt außerhalb des Dorfes zu Fuß eroberten. Und dann schlossen sich auch noch einige meinem "Tross" an: Bernd und Richard begleiteten mich bis Hunoldstal, die Damen von der "Danzerey Altweilnau" sowie Judith Back und Katja Wagner bis Merzhausen ... und Tobias (auf dem Bild mit dem Rucksack neben mir) war bis zu den Eschbacher Klippen (ca. 15 km) dabei. Das machte mir den Start wirklich leichter, denn wir erzählten uns gegenseitig Geschichten.

An den Eschbacher Klippen konnte ich dann zum ersten Mal Margot Becker in die Arme schließen, die mir mit ihren Erzählungen zu den Eschbacher Bauernspielen so viele Infos gegeben hat. Hier zeigt sie uns gerade, dass auch die Soufleur-Kästen aus Naturstein noch vorhanden sind. Ihre selbstgestrickten Socken, die sie mir schenkte, wurden meine Lieblings-Socken auf der Wanderung.
Ab dort musste ich mich dann allein auf die Weiterreise begeben und das war nicht einfach. Lange quälte ich mich beispielsweise bis Maibach. Dort an einem Haus der Satz:

"Leben einzeln und frei wie ein Baum
und gemeinsam wie ein Wald,
das ist unsere Sehnsucht."

Um 16 Uhr erreiche ich Münster und bin nahe an der Erschöpfung. Seit den Klippen kämpfe ich mit dem heftigen Gegenwind. Erst Tage später wird mir klar, dass ich meinen Rucksack auch nicht richtig gespannt hatte. Und ich habe noch 4 km vor mir. 17 Uhr: Endlich Ostheim, hoffentlich ist die Bahnhofsallee 5 nicht erst am Ortsende ;-) Ich bin bei Inge ten Oever privat zu Gast und werde herzlich empfangen. Endlich kann ich duschen, das Fußbalsam von Katja ausprobieren. Meine linke Schulter schmerzt und wird auch eingesalbt.

Ich habe keine Blasen, aber ein Zeh schaut aus der Strumpfhose. Kurzentschlossen nehme ich mein Messer vom Gürtel, schneide die Füße ab und mache Leggings draus!

Auf dem Bett liegend mache ich einige Notizen im Tagebuch (so sehen sie auch aus ;-) und schlafe schließlich ein. Inge muss mich zum Abendessen wecken und anschließend gehen wir rüber ins Dorfgemeinschaftshaus, wo wir zum Erzählabend eingeladen haben. Alles ist von Inge und ihren Mitstreiterinnen der kleinen Bibliothek hervorragend vorbereitet worden. "Ritter" Achim Heckenmüller war fleißig beim Verteilen der Flyer und es wird in einer kleinen Gruppe ein wunderschöner Abend. Ich erzähle vom Strumpfstricker, Hans aus Hasselbach und hier mit meinem Kamishibai das spanische Märchen von Frau Fortuna und Herr Geld.
Müde und glücklich schlafe ich in der ersten Nacht ein.

 06.05.2010 Zu Gast bei "Des Ritters Zweiter Hand"
2. Etappe - Von Butzbach-Ostheim nach Laubach-Röthges - 27 km  

Da hab ich noch gut lachen! Und das, obwohl mir beim Aufstehen um 06:15 Uhr klar war, dass es draußen in Strömen gießt. Nach dem Frühstück mit Inge wandere ich um 8 Uhr bei leichtem Regen los. Doch in Trais-Münzenberg sitze ich dann um 11 Uhr in einem Bus-Häuschen, während der Regen draußen stärker und stärker rinnt. Kurzer Gedanke: Nehme ich jetzt den Bus bis Lich? Nein, ich nehme erst einmal eine "Brotzeit" ein. Doch da mir beim Warten auf das Regen-Ende kalt wird, laufe ich weiter.

12:30 Uhr Muschenheim - heißer Tee und ein nettes Gespräch mit Ramasan (Döner-Imbiss). Ich entscheide mich, nicht den Wetter-Radweg über Lich, sondern Straße über Bettenhausen zu laufen - das ist wohl kürzer.

14:00 Uhr Langsdorf - Kaffee in der Metzgerei, ich gebe meinen ersten Euro aus! Von hier aus kann es nicht mehr weit sein ... es geht durch den Wald und es hat aufgehört, zu regnen. Überall wächst Waldmeister ... ich schmecke Mai-Bowle und das macht mich wohl schwindelig, ich laufe wohl im Kreis

16:00 Uhr weit vor Nonnenroth - Radweg neben der Straße und es gießt wieder. Langsam saugt sich die Nässe in meinem Kleid vom Boden aufwärts. Unter dem Umhang bin ich nicht nass, aber die Regentropfen sammeln sich außen auf der Wolle, ich werde immer schwerer ...

500 m vor Röthges schickt mir der Himmel zwei Engel. Gaby und Gerhard Bauscher lesen mich "begossenen Pudel" mit dem Auto auf. "Des Ritters Zweite Hand" ist ein mittelalterlicher An- und Verkauf. Bei Anna Schiener (Foto) treffen sich einmal im Monat Freunde zum gemütlichen Beisammensein. Extra wegen meiner Wanderung ist es im Mai von Mittwoch auf den Donnerstag verlegt. "Ritter" Achim (auch Foto) ist auch heute dabei. Er hat meine Kamishibai-Tasche trocken mitgebracht - was bin ich froh, dass ich diese nicht auch noch tragen musste.

Merlin, der "Gefährte" von Anna (der übrigens genauso aussieht wie man sich Merlin vorstellt) nimmt mir meine triefenden Sachen ab. Während mein Überkleid, mein Umhang und Gugel im Heizungsraum trocknen, erzähle ich eben im Untergewand ;-) auf dem  Ehrenplatz neben dem  warmen Ofen ... u. a. die Geschichte, wie der Vogelsberg zu seinem Namen kam. Doch es ist keine "Ein-Frau-Vorstellung". Wir lauschen, wie Anna uns die Erschaffung des Mannes beschreibt oder andere Gäste Sagen, Legenden und wahre Begebenheiten schildern. Eine leckere Gemüsesuppe wärmt uns dabei von innen.

 07.05.2010 - 09.05.2010 Ein Vogelsberg-Wochenende im Landhotel Gärtner 
3. Etappe - Von Laubach-Röthges nach Mücke-Flensungen - 12 km

Eigentlich hätte ich mir an diesem Tag einen langen Schlaf gönnen können. Nicht nur, weil der Weg nur kurz ist, sondern weil Anna auch mit mir frühstücken möchte, aber ganz früh erst einmal weg muss. Doch es klappt nicht, um 05:30 Uhr stehe ich auf: Zu viele Gedanken schwirren in meinem Kopf herum. Nein, es ist dieses Mal nicht die Frage, wo mein Wanderstock ist (den hab ich nämlich in den vergangenen Tagen ständig überall stehen lassen), sondern: Sind meine Kleider trocken? Ja, sie sind es!

Nach dem Frühstück nimmt mich Anna noch bis in den Hauptort Laubach mit. Sie fährt eine Nachbarin zum Arzt. Am Campingplatz verabschiedet sie mich ehrfurchtsvoll. Dabei bin ich ihr nicht nur sehr dankbar, sondern habe auch Respekt vor dem, was sie so alles auf die Beine stellt. Nun hab ich für heute nur noch etwa 8 km zu bewältigen und die gehen durch Wald und Flur. Es wird ein schöner Spaziergang, zuerst noch mit leichtem Regen, dann hört es auf. So kann ich kurz vor Mücke meinen Umhang ablegen und zusammen rollen ... Ich will ja nicht wie eine Landstreicherin in meinem ersten Hotel ankommen.

Überraschung Nr. 1: Veranstaltungsschilder mit meinem Namen und dann ... Mir wird schon die Tür von innen geöffnet. Frau Gärtner, die Chefin selbst begrüßt mich mit den Worten: "Wir haben gestern schon oft an Sie gedacht."
Ich habe ein Zimmer ganz oben (*schnauf*) ... auspacken ... ups, Zahnpasta bei Anna vergessen ... also noch einkaufen gehen.
Zum Abendessen bin ich neugierig auf die Spezialität des Hauses: Handkäs-Suppe. Sie duftet schon beim Servieren ... mmhm, lecker ... genau das Richtige für durchgefrorene Mundwerkerinnen - absolut empfehlenswert!

Das Beeindruckenste an meinem Dachzimmer ist das Fenster direkt in der Dusche. Einem Gemälde gleich erscheint am nächsten Tag dahinter die mit Bäumen bestandene Wiesenlandschaft im Morgennebel. Doch die Sonne durchbricht ihn schon, es wird ein schöner Tag. Ich nutze ihn zu einem Ausflug auf dem Vulkan-Höhenweg. Im Bus zum Hoherodskopf ein Ehepaar ist neugierig, was für einen Auftritt ich in meiner Gewandung habe. Ich erzähle von meiner Tour (wie vorher schon beim Bahnhofs-Wärter). Die beiden sind mit Fahrrad unterwegs. Oben begegne ich 3 Frauen, die mich für eine Schäferin halten (wegen meiner Kamishibai-Tasche aus Schaffell). Auch mit ihnen komme ich ins Gespräch.

Meine "Ruhetags-Wanderung" ist anspruchsvoll, aber schön. Wald- und Wiesenpfade, gut ausgeschildert. Die Aussichten nicht ganz so prachtvoll. Diesig. Am Billstein zieht es sich sogar wieder richtig zu. Ich habe keinen Umhang mit. Deshalb beeile ich mich, den Rückbus zu erreichen. Gar nicht so leicht bei dem Anstieg am Schluss *keuch* und das ohne Gepäck.

Auf der Rückfahrt habe ich noch ein nettes Gespräch mit dem Busfahrer, der mir erzählt, dass er vor dem Busfahren erst einmal Fahrradfahren lernen musste - sein Chef bietet nämlich spezielle Rad-Reisen an. Außerdem erfahre ich, dass er oftmals auf seinen Busfahrten seinen 4jährigen Sohn dabei hat, wenn seine Frau arbeitet ... in alter Zeit nahm man die Kinder ja auch mit auf die Arbeit ... auf's Feld oder in die Werkstatt ... so fand manch einer auf ganz natürliche Weise das Interesse für den künftigen Beruf. Ob der Junge mal Busfahrer werden will.

Am Abend Überraschung Nr. 2:
Sabine aus Schlüchtern hatte sich ja angekündigt für den Kaminabend. Aber mit diesem Gast (und noch 2 anderen in ihrer Begleitung) hatte ich nun wirklich nicht gerechnet! Kann es wirklich sein, dass es Menschen gibt, die mehr als 300 km fahren, um mich 2 Stunden erzählen zu hören? Und ich sage Euch, von "Katja, der Müllerin" werdet Ihr bestimmt noch hören, vor allem im Norden Deutschlands ... ein aufgehender Stern am Erzähler-Himmel!

Im Kaminzimmer erzähle ich an diesem Abend mit Bettina Hackelsperger, die nicht nur auch mehr als 300 km dorthin unterwegs war, sondern auch noch auf dem Motorrad. Bettina ist frischgebackene Goldmund-Erzählerin aus Kehlheim in Bayern und passt mit ihrer Geschichte vom Bart-Wettbewerb in Wyoming so richtig zum größten Teil des Publikums - einer Motorrad-Gruppe. Aber offensichtlich berührt die "harten Kerle" auch meine Geschichte vom "Langen Strumpfstricker" ... es war mal was ganz anderes, sagt einer von ihnen.

 09.05.2010 - Fixe Tippelei nach Alsfeld in die Pension Diebel 
4. Etappe - Von Ehringshausen nach Alsfeld - 18 km

Lange schlafen ist wirklich nichts mehr für mich. Also gönne ich mir jetzt morgens immer eine intensive Körperpflege. Ich darf auch noch ein wenig im Hotel bleiben, denn zum Muttertagsbrunch bin ich als Erzählerin angekündigt. Da vergessen doch einige glatt beim Zuhören das Essen und vor allem die Kinder sind wieder aktiv mit dabei. Als ich mich in voller Ausrüstung verabschiede, erhalte ich viel Beifall. 49 Euro waren in meiner Spendenbox ... und das Beeindruckenste: ein Zwanzig-Euro-Schein ...

Da kann ich ja gleich meine Rechnung bei Familie Gärtner bezahlen. Ich erhalte 50 % Rabatt und somit decken auch hier meine Einnahmen die Ausgaben. Danke!!! So könnte es eigentlich weiter gehen.

Ja, ein klein wenig "schummeln" musste ich auf dieser Etappe. Ich fahre gegen 13:30 Uhr mit dem Zug bis Ehringshausen, da ich die Etappe sonst nicht schaffen würde. Dann habe ich noch etwa 18 km bis Alsfeld und die in der Rekordzeit bewältigt.

17:45 Ankunft in der Pension Diebel: Ich bekomme doch ein Zimmer im Erdgeschoss mit eigener Dusche (die ich gleich nutze). Dann gehe ich in den "Kartoffelsack" zum Essen. Ein Auflauf mit Spinat und Lachs - sehr lecker!!! Also wer mal nach Alsfeld kommt: unbedingt empfehlenswert! Auch guter Service und angenehme Atmosphäre.

 10.05.2010 - Spontanerzählung nicht ausgeschlossen im Hotel "Zum Stern"
5. Etappe - Von Alsfeld nach Oberaula - 21 km

Um 06:30 weckt mich mein Handy-Wecker. Dieses Mal wäre ich gerne noch liegen geblieben, aber ich habe Frühstück für 07:30 Uhr bestellt. Ich habe schlecht geschlafen, was nicht am Bett lag. Krämpfe in den Füßen und Oberschenkel und ein ständiges Gefühl der Kälte ... trotz Heizung (Bin eben doch keine taufrische Jungfrau mehr ;-) 

Frühstück bekomme ich in der "guten Stube" von Familie Diebel. Da werden Erinnerungen wach an meine Urgroßeltern. Erika Diebel erklärt mir auch den Weg aus Alsfeld raus für meine Route. Und so verlasse ich Alsfeld auf dem Radweg nach Eudorf ... vorbei an hübschen Kleingärten. Es ist diesig, aber regnet nicht. In Eudorf nehme ich die Straße nach Hattendorf.

Von Hattendorf (wo ich mir den Umhang überwerfe, denn es regnet zwar nicht, ist aber feuchtkalt) geht es weiter nach Immichenhain, auf der relativ ruhigen Straße. Plötzlich habe ich ein Hölzchen im Hacken des rechten Schuhs. Ich balanciere mit Rucksack auf einem Bein. Mit etwas Mühe geht's und das Ding ist draußen ... "Ein Männlein steht im Walde auf einem Bein ..." fällt mir ein und natürlich trällere ich dieses "deutsche Liedgut" auch gleich (und sehe in Gedanken, wie Chris mich böse ansieht und sich die Ohren zuhält *grins* 

Immichenhain begrüßt mich mit einer mittelalterlichen Mauer ... Klostermauern, wie ich wenige Meter später erfahre. Der Klosterhof ist "auf eigene Gefahr" zu betreten. Auf einem weiteren Schild steht "Hier wacht ..." und das Bild eines Hahnes.

Von hier führt mich ein Radweg übers Feld, begleitet vom Gesang der Lerchen. Auf einer Bank ruhe ich aus und schreibe die obigen Zeilen ...

Kurz vor Oberaula noch eine Begegnung mit einer älteren Dame im Ortsteil Hausen ("Huuse" feiert dieses Jahr 850 Jahre). "Sie haben aber Courage!", spricht sie mich einfach an. "Meinen Sie?" frage ich zurück. "Wo kommen Sie denn her?" Staunen, als ich es erzähle. "Und wo wollen sie hin?" Sie ist beeindruckt und erfreut. Aus ihren Erzählungen entnehme ich, dass ihr die Weitergabe von Traditionen und Geschichten aus erlebter Zeit wichtig ist ... sie steht tritt doch zusehens in den Hintergrund, meint sie. Sie erzählt mir von den letzten Tagen des 2. Weltkriegs und freut sich, dass ich im "Stern" in Oberaula übernachten werde: "Familie Lepper sind so fleißige Leute und das Hotel hat sozusagen Großstadt-Klasse, hat ... gesagt." Es ist einfach schön, sich mit ihr zu unterhalten. Als ich ihr sage, dass ich auch von ihr erzählen möchte, wenn ich zurück komme, meint sie: "Ach, ich möchte aber anym bleiben ..." 

Im Hotel "Zum Stern" angekommen, werde ich super freundlich begrüßt. Ich solle mich richtig verwöhnen lassen, sagt Frau Lepper. Die Übernachtung ist für mich kostenlos! Mein Päckchen, das ich mit Wechselsachen her geschickt hatte, wartet schon auf meinem Zimmer auf mich. Verwöhnen lassen - genießen - das tue ich beim Abendessen. Ich gönne mir ein 3-Gänge-Menü mit Frankenwein.

  11.05.2010 - Über die Höhen des Knüllwaldes
6. Etappe - Von Oberaula nach Neuenstein-Aua - 13 km

Sieben Stunden habe ich tief und fest geschlafen - beachtlich! Sogar meine linke Hüfte macht sich nur leicht bemerkbar, als ich am Morgen dieses Tages aufstehe. Beim Frühstück sitzt wieder die Familie mit dem kleinen Jungen am Nebentisch wie gestern abend. Colin heißt er, ist 3 Jahre alt und kommt aus Stuttgart. Er hat gestern Golf gespielt und zeigt mir, wie er die Bälle schlägt. Ich frage ihn, ob ich ihm zum Abschied eine Geschichte erzählen darf ... nur für ihn allein ... an meinem Tisch ... ich müsse nur noch etwas aus meinem Rucksack holen.

Als ich wieder komme, sitzt er schon auf dem Platz mir gegenüber, ganz gespannt. Und so erzähle ich ihm die Geschichte von der Maus "Frederick" mit meinen Fingerpuppen.

Heute und morgen geht es über den Borgmann-Weg, den Hauptwanderweg durch den Knüllwald. Auf der Strecke geht es erst einmal stramm bergauf. Ich genieße die Stille fernab von jeglichem Straßenverkehr, freue mich über die Tiere, die mir begegnen. Gegen 10:15 Uhr grüßt mich der Berggasthof Eisenberg geisterhaft. Das liegt nicht nur am dunstigen Wetter. Hotel und Restaurant liegen verlassen da. Um einen kleinen Teich, an dem Kugel-Lampen von besseren Zeiten künden, stehen viele Bänke. Auf einer lasse ich mich zum Schreiben nieder ...  

... denn schließlich habe ich schon die Hälfte meiner heutigen Strecke hinter mir. Doch dann wird es kalt. Ich wäre gerne noch hier oben auf einem der Neben-Wanderwege gelaufen, aber ohne Einkehr-Möglichkeit???
Später komme ich an den Mauerresten einer Kirche aus dem 12. Jh vorbei (Wüstung Holnstein). Sie wurden bei Anlegen des Weges im vorigen Jahrhundert entdeckt (zunächst fand man eine Sandsteinplatte mit Kreuz, die heute im Museum ist). Kurz danach höre ich schon die Autobahn A7 ... die Zivilisation hat mich also wieder.
(Fotos per Handy aufgenommen)

Auf einem geteerten Weg geht es durch saftig-grüne mit Löwenzahn übersäten Wiesen der Autobahn und dem kleinen Ort Neuenstein-Aua entgegen, durch den die Autobahn wie ein riesiges Schwert schneidet. Eine Dorflinde, fast wie die in Reinborn (hier im Taunus) mit knorrigem geteilten Stamm und weitem Blätterdach beeindruckt mich.

"... Von jenem Tag an war ich allein auf mich angewiesen und verkostete alle Beschwernis einer langen Reise. Regen und Sturm will ich dabei gar nicht in Anrechnung bringen. Weit schlimmer ist die Mißachtung der Menschen. Die vermeinen, ein alleinreisend Frauenzimmer gleichstellen zu können mit Landstreichern und Tagedieben, von denen man fürchtet, sie in der Scheuer zu wissen ..." (Jeannette Beckerin in "Der lange Strumpfstricker von Eschbach")

Irgendwie beobachte ich nun, dass sich die Zeiten seit den 300 Jahren, als die Beckerin unterwegs war, nicht sehr viel geändert haben. Ich werde nicht nur neugierig, sondern auch befremdlich und mißtrauisch angesehen bzw. fühle mich manchmal einfach nicht wertgeschätzt. Die Frage, wo denn mein Mann ist und was der dazu sagen würde, hatte ich mehrmals zu beantworten. Beispielhaft war für mich auch die Situation bei meiner Ankunft im Landgasthof Hess (auf dem Zimmer lese ich übrigens in einem Prospekt "das erste Wanderhotel im Knüllwald"). Die Frau von der Rezeption geht an mir vorbei, als ich eintrete und grüße ... sieht mich zwar mit meiner Gewandung, dem schweren Rucksack und Wanderstock, doch keine für mich erkennbare Reaktion, dass ich wahrgenommen wurde. Also warte ich einen Moment an der Rezeption. Es ist ja noch Mittagszeit und deshalb gibt es vielleicht wirklich viel zu tun. Als die Empfangsdame zurück kommt, schaut sie mich fragend an. "Ich habe ein Zimmer bei Ihnen reserviert." Der Blick ist ungläubig, aber sie fängt an, in ihrem Reservierungsbuch zu blättern. Zwischendurch klingelt das Telefon. Sie unterbricht die Suche, geht sofort ran, kümmert sich darum. Ich fühle mich als Gast nicht ernst genommen. Auch meine Frage, wo der Borgmann-Weg auf meiner nächsten Etappe von hier aus weiter geht, weil ich keine Ausschilderung mehr erkennen konnte, bleibt leider unbeantwortet. Da müsse ich den Chef fragen. (Da war dann die Überraschung auf meiner Seite.)

Ansonsten ist das Hotel sehr schön: die Zimmer sauber und landhausmäßig eingerichtet, überraschend ruhig - trotz Autobahn, das Essen schmackhaft und die Bedienung im Restaurant freundlich. Einziger Minuspunkt: Ein Internet-PC kann genutzt werden, aber der steht direkt neben der Rezeption an der Wand. Jeder weitere Gast oder auch die Rezeption selbst kann einem über die Schulter schauen. Nach dem Essen versuche ich trotzdem dort noch einmal etwas über meinen weiteren Wanderweg heraus zu finden. Dieses Mal telefoniert an der Rezeption ein Mann in Küchen-Kleidung. Als er fertig ist, frage ich ihn einfach: "Sind Sie Herr Hess?" Ja, er ist es. "Meine Frage mag Ihnen simpel vorkommen. Ihre Rezeption konnte mir leider nicht weiterhelfen. Können Sie mir sagen, wo der Borgmann-Weg weiter geht?"

Er erklärt mir nicht nur den Zugang. Er bemüht sich sichtlich, mir auch den genauen Streckenplan zur Verfügung zu stellen ... mit Hilfe des PC und Stöbern in Kartenmaterial. Ich hatte keinerlei Vorhaltungen gemacht, aber nach einer Weile meint er: "Eigentlich müsste ich besser vorbereitet sein ..." und fügt hinzu: "Der Borgmannweg ist allerdings nur selten gefragt, wird nicht häufig gelaufen."

Ich erzähle ihm von meiner heutigen Tour und vom "geisterhaften Berghotel" auf dem Eisenberg. Frage, ob dort nur ein neuer Besitzer gesucht wird oder einen Umbau vornimmt. Die Antwort ist ernüchternd: "Das wird wohl nichts mehr werden." Er findet es auch bedauerlich, denn an schönen Tagen hat man dort eine herrliche Fernsicht, meint er. Bis in den Taunus und nach Thüringen soll der Blick gehen. - Was wäre, wenn wieder mehr Menschen "praktisch vor der Haustür" Urlaub machen würden, statt in der weiten Welt das Abenteuer zu suchen? Und ich sage Euch: Abenteuer kann man auch hier in Deutschland erleben ... Ihr werdet es von mir hier noch lesen.

  12.05.2010 - Verschlungene Wege unterwegs und in der Stadtverwaltung Rotenburg
7. Etappe - Von Neuenstein-Aua nach Rotenburg a. d. Fulda - 19 km

Frühstück gibt es im schönen, hellen Wintergarten und es werden heimische Produkte angeboten. Ich nehme Honig ... da bleibt man gesund, sagt mein Mann immer. Warum müssen sich manche Menschen schon beim Frühstück mit der BILD "quälen"? Ist das ein guter Start in den Tag?

In der Rezeption hat Herr Hess Infos über den Borgmann-Weg und die Orte der Umgebung als Kopie hinterlassen, das ist sehr nett. Auch die Empfangs-Dame ist freundlicher und aufgeschlossener. Woher kam eigentlich das Mißtrauen am Vortag. Während ich starte, bekomme ich liebe Grüße per SMS von Connie. Ich finde den Weg, der mich an knorrigen Apfelbäumen, dann am Mühlbachtunnel (ICE-Strecke) und schließlich sogar an Straßen-Begrenzungspfosten mitten im Wald vorbei führt. Offensichtlich war hier mal eine alte Straße. Plötzlich muss ich jedoch eine sehr steile zugewachsene Schneise hinauf steigen. Oh Gott!!! Wo bin ich?

Am Ende komme ich auf eine Kreuzung und da ist er wieder, mein Borgmann-Weg. War wohl eine Abkürzung. Auf der Strecke passiert mir ähnliches mehrmals. Irgendwann vermute ich auch den Grund. Der Weg ist offensichtlich von Rotenburg aus markiert worden und in der Gegenrichtung sind diese Markierungen manchmal nicht zu erkennen. Wenn ich mich an einer Kreuzung drehte, dann fielen sie mir plötzlich auf. Vielleicht sind Teilstücke auch geändert, alte und neue Zeichen scheinen sich manchmal zu widersprechen. Ohne Karte wäre ich ganz sicher verloren gewesen.

Dabei ist der erste Teil der Strecke noch fast ein Spaziergang, auf dem ich um 10:45 Uhr Oberthalhausen, dann Unterthalhausen erreichte. Letzteres ist ein hübsches Dörfchen, so groß wie Treisberg (wie mir eine Bewohnerin bestätigte, die merkte, wie ich wieder nach dem Weg suchte). Doch dann führte der Weg wieder über zugewachsene Strecken steil auf- und abwärts, umgestürzte Bäume waren zu überwinden (einmal musste ich untendrunter durch und der Rucksack war zu dick, er schrammte am Stamm lang, aber alles blieb ganz). Ich sehe aus wie eine "Wutz", denn einmal bin ich auch quer übers Feld

Nach gefühlten 30 km Abenteuer Wildnis sitze ich auf einer Bank und kann endlich Rotenburg vor mir sehen. Und nach weiteren 2 - 3 km erreiche ich den Campingplatz in der Stadt. Hier bin ich mit meinem Mann und Sohn verabredet, der mit dem Wohnwagen am Wochenende kommen will. Aber ich bin zu Fuß schneller gewesen als er ;-) Er steht noch im Stau ... Ich warte über eine Stunde, dann kann ich mich selbst nicht mehr riechen ... packe an der Rezeption meinen Rucksack aus und gehe unter die Dusche (angemeldet bin ich ja schon).

Sauber und neu gewandet sitze ich dann wieder und warte. Da spricht mich ein Mann an:
"Sie sehen ja so mittelalterlich aus ..."
"Ja, das ist so beabsichtigt. Ich bin Erzählerin auf der Wanderschaft."
Er antwortet: "Ach, davon habe ich gelesen."
"Bestimmt wegen der Veranstaltung, die ich am Wochenende in Waldkappel haben werde ..." entgegne ich.
"Nein nein - ich arbeite bei der Stadt im Bereich Jugendarbeit und da ging so eine Mappe im Umlauf ..."

Bereits im letzten Herbst hatte ich Stadtverwaltungen, Touristik-Zentren in meinen Etappen-Orten mit einem ausführlichen Brief und einer "Bewerbungsmappe" angeschrieben und um Unterstützung für meine Wanderung gebeten. Dabei habe ich auch angeboten, Erzählveranstaltungen (ausdrücklich OHNE Honorar-Forderung!!!) durchzuführen.
30 Mappen habe ich verschickt. 3 Antworten habe ich bekommen (Waldkappel, Wanfried und Eisleben), 1 Mappe kam ohne Anschreiben zurück und von dem Rest habe ich nichts mehr gehört. Dieser Herr erklärte mir also, dass er im Januar meine Mappe auf den Schreibtisch bekommen hat, keinen Bedarf sah, es weitergab ... und niemand fühlte sich offensichtlich zuständig, eine Antwort zu schreiben. Ich gebe ihm noch einmal meine Visitenkarte - ob darauf irgendwann mal eine Reaktion kommt?

Als Bernd kommt, baut den Wohnwagen auf und heizt den Grill an. Richard ist liebebedürftig, aber auch stolz, dass er zu Hause ohne mich zurecht kommt. "Ich vermisse Dich schon ein wenig, aber hier bist Du ja noch drin ..." und zeigt auf sein Herz. Ist das nicht schön???

  13.05.2010 - 16.05.2010 Gastliches Waldkappel mit großem Auftritt
8. Etappe - Von Rotenburg a. d. Fulda nach Waldkappel - 24 km

07:00 Uhr - Auf dem Campingplatz in Rotenburg ist man sicher ein wenig genervt darüber, dass eine Familie schon so früh am Himmelfahrts-Feiertag auf ist. Ein ständig plappernder Bub und eine geschäftige Mutter, die sich für die heutige Wanderung vorbereitet. Allerdings kann ich heute mit leichtem Gepäck los ziehen, einem Rucksack, den wir sonst für Familien-Wanderungen verwenden. Alles andere nehmen meine Männer mit dem Auto mit, wenn sie später den Wohnwagen nach Waldkappel "umsetzen".

Ich habe mich entschieden, den Wartburgpfad zu nehmen. Es geht bergauf am idyllisch gelegenen Klinik-Gelände in Rotenburg vorbei. Da ich heute sicherlich schneller voran kommen werde, mache ich einen kleinen Abstecher zur Burgruine Rodenberg (im Volksmund dort nur "Alter Turm" genannt). Am Abzweig zu dieser Ruine steht ein riesiger Buchstabe "W" aus Holz. Als ich näher komme, stelle ich fest, dass es sozusagen eine Bibliothek im Wald ist. Die Balken haben nämlich Fenster, die man öffnen kann und darin stehen Bücher. Offensichtlich kann hier jeder Bücher entnehmen und einstellen, wie er gerade möchte. Ich schreibe auf eine meiner Visitenkarten "Ich war hier auf meiner Wanderung vom Taunus bis nach Potsdam" und stelle sie ein (ein Buch habe ich leider nicht dabei).

Später stelle ich fest, dass ich sozusagen auf einem Teil eines Kunstwanderweges bin: "Ars Natura 2009". Weitere Skulpturen laden zum Verweilen und Nachdenken ein, z. B.:
* "Blaue Blume" (Leider ist der Himmel bei mir
  nicht blau - Foto aus dem Internet)
* "Verlassene Haut" (zwei versetzt angebrachte
  ausgehöhlte und geschnitzte Baumstämme)
* "Königssohn" (mystische Grabstätte mit
  aufgebahrtem Skellett - warum fällt mir da
  gerade Heinrich einer der beiden "feindlichen
  Brüder" aus der Rhein-Sage ein?)

Ich begegne einigen "Vatertags-Gruppen". Die Männer schauen mich an in meiner mittelalterlichen Gewandung ... überrascht, neugierig, fragend, ungläubig ... aber außer der Erwiderung meines fröhlichen Grußes dringt nichts aus ihren Mündern. ;-) Es ist auch nicht gerade der beste Ausflugs-Tag. Zwar regnet es nicht, aber die Wege sind mit Pfützen und morastigen Stellen übersät. Oftmals muss ich mein Kleid (heute habe ich ausgerechnet ein sehr langes an) raffen. Kurz bevor ich die Landstraße 3226 erreiche, sehe ich im Wald eine Stelle, an der mehrere Töpfe, Plastiktüten und in einer Senke dahinter eine Plane liegen. Ich frage mich, ob hier ein Wohnungsloser lebt ... sehe mich um, kann aber niemanden entdecken.

Gehau und Schemmern, die ersten Orte die ich heute nach Rotenburg durchlaufe sind bereits Ortsteile von Waldkappel. Hier endet auch meine Karte, aber von Bernd weiß ich, dass ich einfach nur der Landstraße weiter folgen muss. Was mir in Schemmern auffällt: Hier kann man den Misthaufen noch direkt neben dem Eingang finden - eingerahmt von Hortensienkübeln. Alles ist noch sehr ursprünglich dörflich ... schön!

Wenn ich gewußt hätte, dass es vom OT Friemen einen Radweg direkt zum Campingplatz gibt, dann hätte ich mir ca. 1,5 km gespart ... aber wie gesagt, meine Karte war ja in Schemmern zu Ende.

Waldkappel liegt so versteckt zwischen den Bäumen, wie der Name des Ortes vermuten lässt. Dabei war es bis zum 30jährigen Krieg eine sehr wohlhabende Stadt an der alten Handelsstraße "Die langen Hessen", die von Frankfurt bis nach Leipzig führte.

Eigentlich sehnen wir uns doch alle nach Harmonie und Liebe - oder?
Wenn ich durch die Welt wandere, dann sehe ich alle Geschöpfe mit liebevollen Augen ... Schwalben und Lerchen, Rehe und Hasen, Käfer und Bienen, Mensch und Tier.


Eigentlich möchten wir Menschen doch wie Freunde miteinander umgehen. Wie oft liegt uns das "Du" auf der Zunge und will "den Zaun der Zähne dann doch nicht durchbrechen"?
Wie verhext oder versteinert folgen wir unseren Gewohnheiten sowie den scheinbaren Zwängen und Mächten.

Eigentlich brauchen wir doch keine Angst zu haben, mißverstanden zu werden in einem Wunsch oder auch brennenden Verlangen, Gutes zu tun und Freundlichkeiten zu sagen. Wie oft hattet Ihr schon den Wunsch, einen anderen Menschen einfach so zu umarmen und habt es doch nicht getan?

Eigentlich könnte unser Leben doch wie ein Fest sein, wenn wir unsere Gefühle nicht verstecken würden ... ja, wenn wir anderen auch davon erzählen würden? Wir könnten
das Leben doch als ein Fest sehen ...

... wir bräuchten doch nur das Wörtchen "eigentlich" vergessen!

Die obigen Gedanken hatte ich an diesem Tag in meinem Wandertagebuch notiert. Es passte so wunderbar zu meinen Erlebnissen in Waldkappel: Unser Quartier befindet sich direkt neben dem schönen Freibad, das uns allerdings nicht zum Baden einlädt bei dem Wetter.
Am späten Nachmittag des Ankunftstages kommt Herr Alexander Frank vom Bündnis Familie, auf dessen Initiative wir an diesem Wochenende in Waldkappel sind. Er bringt seine Eltern und Kinder mit und ich habe gleich das Gefühl, herzlich aufgenommen zu werden. Er erkundigt sich, ob alles geklappt hat mit dem Campingplatz, der uns das ganze Wochenende kostenlos zur Verfügung steht. Die Veranstaltung am nächsten Tag musste nun leider wegen des Wetters von der Waldbühne in das Bürgerhaus verlegt werden ...

... doch es wurde trotzdem ein großes Fest!
Der Bühnenbereich war wundervoll mit Strohballen und historischen Dekorationen ausgestattet worden. Es gab Kaffee, Kuchen und Eis für die Kinder. Zuerst habe ich für die Kiga-Kinder im kleinen Kreis erzählt. Beim Märchen von "Großmutter und der Rübe" haben alle mitgemacht. Später dann hörte mir der ganze Saal (ca. 60 - 80 Gäste) zu. Wegen des großen Saales musste ich dieses Mal das Mikro benutzen, was für mich völlig ungewohnt ist ... ich befürchte dann immer, dass ich zu "steif" und "gekünstelt" rüberkomme.

Doch das Publikum verfolgt offensichtlich völlig beeindruckt, sehr aufmerksam und herzlich meine Ausführungen, vor allem als ich von meiner bisherigen Wanderung erzähle.
(siehe Bericht in der Werra-Rundschau). - Ich freue mich über die Spenden und Geschenke, die ich erhalten ... die Sammlung bringt fast 90 Euro, dazu gibt es eine Waldkappel-Tasse mit Snickers (die natürlich Richard gerne annimmt), ein Büchlein mit "Erzählungen von früher" und Prospekte zum Ort, die mir der "Uhlenfänger" (die Symbolfigur der Stadt) überreicht. Meine Gastgeber und Gäste zugleich - Herr Frank und seine Helfer - sind so rührig und dabei so bescheiden ...

Ein schöner Tag ... unser 27. Hochzeitstag ... findet am Abend ein glanzvolles Ende in unserem Wohnwagen mit selbst gegrilltem Rindersteak, Pellkartoffeln und Sour Creme, dazu Rotwein. - Das Leben ist ein Fest!

   16.05.2010 - 18.05.2010 Mit der Gänsegretl unterwegs im schönen Wanfried
9. Etappe - Von Waldkappel nach Wanfried - 25 km

Zum letzten Mal habe ich am Morgen in Waldkappel Brötchen geholt... an jedem Tag ein anderer der Bäcker. Gestern hatte ich sogar nach einem Schwätzchen die Verkäuferinnen mit einer Geschichte bedacht (weil sie an der Veranstaltung nicht teilnehmen konnten). Nach dem Frühstück heißt es Abschied nehmen von Bernd und Richard. Ich bin wirklich ein wenig wehmütig. Es war schön, trotz des trüben Wetters.

Ich wandere durch den Waldpark 5 km nach Bischhausen ("Dolles Dorf 2010"). Dort ist gerade Flohmarkt und ich begegne einer Zuhörerin von vorgestern. Sie möchte mich gerne nächstes Jahr zur 1225-Jahr-Feier dabei haben und wird sich melden. Ich freue mich sehr darüber. Doch gegen ihren Rat nehme ich nicht den Wehre-Radweg für meine weitere Wanderung. Es ist zwar sonnig, aber ich will raus aus dem Wind und weg vom Asphalt. Deshalb nehme ich einen Höhenweg ... aber der zieht sich hin. Als ich Reichensachsen erreiche, entscheide ich mich doch für den kühlen und windigen Radweg. Beim Weg über die Felder wundere ich mich, dass Raps so unterschiedlich riechen kann ... manchmal blumig wie Flieder und manchmal fast wie Diesel.

Ute und Peter Baden kommen mir auf dem Werra-Radweg von Wanfried aus entgegen. So geben sie mir die Motivation für die letzten Kilometer, denn ich bin nach den Ruhetagen heute irgendwie nicht gut zu Fuß. Eine Bekannte der beiden nimmt mir schließlich auch den Rucksack auf ihrem Fahrrad ab. An der "Schlagd", dem Werra-Hafen der schönen Stadt, genießen wir Eis und Kuchen und die Sonne lacht sogar freundlich.

Am nächsten Tag bekomme ich eine ganz persönliche Stadtführung von Ute Baden, die in Wanfried Märchenerzählerin und Gästeführerin ist. Wir kennen uns virtuell schon eine Weile. Sie wurde mir von der Stadt damals sofort als Ansprechpartnerin empfohlen, als ich die ersten Vorbereitungen für die Wanderung traf. In ihren Erzählungen spüre ich die Liebe zu ihrer Heimat sehr.
Zunächst führt sie mich in den Kindergarten, der eigentlich Ort der Veranstaltung am Nachmittag sein sollte. Doch auch hier weichen wir wegen des Wetters aus in den Bürgersaal.

Das Rathaus von Wanfried gehörte früher einer angesehenen Kaufmannsfamilie. Man erzählt sich, dass hier die "graue Frau" des Nachts umhergeht. Aber vor der fürchtet sich Bürgermeister Wilhelm Gebhard gar nicht. Er empfängt uns am Vormittag in seinen Amtsräumen. Ich richte herzliche Grüße aus Waldkappel aus und er hört sehr interessiert meiner Erzählung zu, da er am Nachmittag nicht da sein kann. Dann fragt er nach der Finanzierung meines Projektes. Ich erkläre, dass ich ohne Sponsoren auskomme. Lediglich Unterkunftsangebote und Spenden unterstützen mich. So zückt er seine Brieftasche und bedankt sich für die Erzählung mit einer persönlichen Spende. Außerdem erhalte ich einen Prospekt, in dem (aus der Sicht eines Töpfers und der Indianertochter Pocahontas) darüber erzählt wird, wie Wanfrieder Keramik nach Amerika gekommen ist: "Wanfried - James Fort und zurück".

"Frau Holle" aus Bad Sooden-Allendorf (links) und die "Gänsegretel" (Ute Baden) waren am Nachmittag an meiner Seite. Bei der letzten Geschichte drängten sich plötzlich mehrere Kinder auf meinem Schoß. Eine flüsterte mir zu, dass sie mit ihrer Oma da wäre, die ihr immer Geschichten erzählt ... und das wäre doch sehr wichtig, erwiderte ich. "Ja," antwortete das Mädchen jetzt schon lauter "sonst werden sie ja vergessen." - Der schöste Satz des Tages! 

Schade nur, dass so wenige Erwachsene, vor allem selten ganze Familien da waren. Dabei war die Veranstaltung mit Kaffee und Kuchen ausdrücklich nicht nur im Kindergarten, sondern auch in der Presse angekündigt. Nicht nur wir Akteure auf der Bühne, auch die Helfer hatten sich in historische Gewandungen gekleidet. Viele von den selbstgebackenen Kuchen blieben übrig. Einen ausführlichen Bericht über die Veranstaltung könnt Ihr ganz unten auf dieser Seite im Download-Bereich lesen.

Herzlich bedanke ich mich bei der ganzen Familie Baden! Nach liebevoller Bewirtung, Betreuung und vielen Erzählungen bin ich an beiden Abenden erst verhältnismäßig spät ins Bett gekommen. Viel habe ich aus Wanfried mitgenommen und werde auch hier gerne wieder kommen.

  18.05.2010 - Grenzweg-Verirrungen auf dem Weg nach Mühlhausen
10. Etappe - Von Wanfried nach Bollstedt (b. Mühlhausen) - 27 km

Nach einem ausgiebigen und unterhaltsamen Frühstück geht es los durch den Elfengrund. Hier fließt der Gatterbach silbrig über Moos und Kalkstein-Tuff ... aber was soll ich hier schreiben. Auf der Homepage der "Gänsegretel" im Link könnt Ihr es hören, also Ton an! Der Weg dorthin führt über Schaf-Weiden mit Gattertoren, die mir einige Probleme beim Schließen (da sie auch unten in der Schlinge eingehängt werden müssen) machen. Mit Rucksack ist das nicht so einfach.

Nach dem Elfengrund habe ich keine Lust, Straße zu laufen und "schlage" mich wieder durch den Wald. Zwar gibt es auf meiner Karte nicht die direkte Wanderverbindung nach Katharinenberg, die ich haben will, aber ich werde den Weg schon finden ... denke ich. Irgendwo an der hessisch-thüringischen Grenze irre ich umher. Dann sehe ich einen ehemaligen Grenzturm, also bin ich richtig. Auf der Karte identifiziere ich wenig später eine Kreuzung, an der ich mich glaube, zu befinden. Ich wandere den Weg, von dem ich ebenfalls glaube, dass es der richtige ist ... es geht bergab, etwas morastig, aber nicht schlecht. Dann mache ich eine Pause und sehe mir die Karte genau an. Irgendwie wundert es mich, dass ich durch Wald laufe, wo es doch eigentlich über Wiesen gehen müsste ...

... und stelle fest, ich bin von einer anderen Kreuzung aus in die falsche Richtung unterwegs. Mein Adrenalin treibt mich regelrecht den Berg wieder hoch ... stramm marschiere ich, weil ich mich über mich selbst ärgere. Aber jetzt bin ich richtig. Über 4 Stunden nach meinem Abmarsch, um 13:00 Uhr, bin ich in Katharinenberg-Diedorf und raste auf dem Dorfplatz.

Von dort geht nach meiner Karte ein Weg fast schnurgerade nach Mühlhausen. Aber in der Natur ist es ganz anders. Es ist ein Pfad, der sich schlängelt ... schön zu gehen, aber tückisch. So verpasse ich nach einer Rast wieder den Abzweig, weil Zweige über dem Schild hängen. Als es mir auffällt, versuche ich dieses Mal jedoch nicht, irgendeine Abkürzung zu finden, sondern gehe zurück und schaue lieber nach, wo ich falsch war.

Um 16:00 Uhr habe ich den Weg wieder verloren. Ich frage zwei Wanderinnen, wie ich am schnellsten nach Mühlhausen komme. Sie erklären mir den Weg zum Ausflugs-Lokal "Weißes Haus". Dort würde ein Bus fahren. Als ich um 16:25 dort ankomme, ist der Bus gerade weg, aber um 16:50 Uhr fährt der nächste. Von der Ziel-Haltestelle am anderen Ende von Mühlhausen sind es noch 3 km bis Bollstedt zur Pension, auf einem Weg an der Unstrut entlang.

Um 18:00 Uhr komme ich in der Pension "Zum alten Bauernhof" an. Ich hatte vorher schon angerufen, dass ich mich evtl. etwas verspäte. (Über dieses Telefongespräch und die völlig unkonventionelle Art, wie ich zu meinem Zimmer kam, muss ich einfach mündlich erzählen. Das kann ich hier nicht beschreiben). Alles dort ist super-einfach eingerichtet, doch das Bett scheint vom Feinsten zu sein. Familie Kley ist sehr, sehr freundlich. Es gibt im Dorf keine Essensmöglichkeit mehr, Herr Kley macht mir das Angebot, "eine Stulle zu schmieren". Aber ich lehne ab, denn ich bin hundemüde und habe noch so viel zu tun.

1. Meine Sachen sind total schmutzig ... Schwitzflecken und Abfärbungen auf der weißen
    Bluse. Damit hätte ich mich ohnehin nirgends mehr sehen lassen können. Also neue
    Sachen heraus suchen heißt den Rucksack komplett aus- und umpacken.
2. Schuhe neu einfetten ist angesagt!
3. Duschen sowie Füße und Beine eincremen.
4. Tagebuch schreiben ...
5. Und schließlich ein paar Nüsse essen.

Dann falle ich ins Bett, das wirklich absolute Spitze ist. Ich habe nie wieder so gut geschlafen wie dort!

  19.05.2010 - Tropfnass in Schlotheim und Goethe im  "Thüringer Hof" Ebeleben
11. Etappe - Von Weinbergen (b. Mühlhausen) nach Ebeleben - 23 km

7 Uhr - Wecker klingelt ... es regnet ... Ich entschließe mich, mein sauberes Kleid, das ich gestern heraus gesucht habe, wieder einzupacken. Stattdessen nehme ich die Hose von gestern und eine saubere Bluse dazu wieder aus dem Rucksack. :-(

Nach dem guten Bauernfrühstück zahle ich und frage Frau Kley nach dem Weg, weil meine Karte hier wieder einmal zu Ende ist und ich eine Lücke zur nächsten Karte habe. Zum Abschied schenkt sie mir eine kleine Dose mit Wachtel-Eiern ... roh. Ich habe Angst sie könnten zerbrechen, aber sie sind doch wirklich transportfähiger als Hühner-Eier.

Mit Schlag der Kirchenglocken 9 Uhr wandere ich los. Es regnet und ich muss heute auf befestigten Wegen bleiben. Der Boden hier haftet schwer an den Schuhen, ich sehe aus, als hätte ich Schneeschuhe an, als ich es einmal abseits der Straße versuche ...

Während ich die ersten Kilometer laufe, denke ich nach ... über das Gespräch beim Frühstück mit dem anderen Gast. Nachdem ich von mir und meiner Wanderung erzählt hatte, fragte er mich zunächst: "Und was machen Sie beruflich?" Als ich antwortete, dass dies mein Beruf ist ... dass ich wirklich Erzählerin bin, stutzte er: "Kann man davon leben?" Ich habe geantwortet, dass ich NOCH NICHT davon leben kann und deshalb auch eine andere Tätigkeit noch habe als Trainerin und Beraterin. Doch im Prinzip bin ich da wieder in die Falle geraten ... in die, dass ich mir viel zu sehr Gedanken darüber mache, was andere Menschen denken. Warum habe ich nicht genau das gesagt, was ich selbst darüber denke? Warum habe ich nicht selbstbewusst und mit voller Überzeugung gesagt: "Ja, ICH kann!"

Denn ich lebe davon ... und das nicht erst seit meiner Erzähler-Zertifizierung. Seit ich frei-beruflich bin, ist mir klar, dass "von seinem Beruf leben" nicht nur "Geld verdienen" heißt. Ich lebe mit und von meinem Beruf, weil ich etwas Sinnvolles und wirklich Bedeutsames tue, weil es wichtig ist. Ich nutze meine Talente und Gaben genauso wie ich es mir schon immer gewünscht habe. Das gibt mir Zufriedenheit und macht mich glücklich. Ich "schwimme" nicht im Geld, ich habe aber auch keine Schulden. Und das ist doch auch etwas, womit es sich sehr gut leben lässt - oder? Ich habe sehr, sehr viel weniger Geld zur Verfügung als vor meiner Selbständigkeit. Doch ich habe dadurch gewonnen: Das Bewusstsein, dass wir wirklich nicht alles haben müssen, was uns so angeboten wird. Und für das, was wir wirklich brauchen, ist immer genau dann Geld da, wenn es notwendig ist. Und ganz ehrlich: was ich für meine Leistungen bekomme, sind eben nicht nur die "Taler", sondern auch Anerkennung, Freude, Wertschätzung, Dankbarkeit ... und genau solche Dinge begegnen mir an diesem zweiten heftigen Regentag auf meiner Wanderung:

In Grabe werde ich gleich von 3 Menschen angesprochen, ob ich pilgere (ich bin hier auf einem Teilstück des Pilgerweges nach Volkerode). Die erste ist eine ältere Dame, die mit ihrem Hund spazieren geht. Sie hat die übliche durchsichtige Regenhaube auf, wie ich sie auch von meiner Oma her kannte. Wir unterhalten uns, ich erzähle ihr die Geschichte, die mich auf die Wanderung geführt hat und auch von meiner Familie ... meinem kleinen Nachzügler ... und sie beginnt zu strahlen. "Ist das nicht schön? Ich hab auch so einen ... ein Geschenk Gottes ... alle unsere Kinder." Am Ende sagt sie dann zu mir: "Ich bin so froh, dass ich Sie angesprochen habe. Wissen Sie, es ging mir heute morgen nicht so sehr gut. Ich fühlte mich wirklich krank. Aber jetzt bin ich richtig glücklich!"

Und in diesem Moment hab ich wirklich richtig "Leben" gespürt. Ein schöneres Geschenk, einen wertvolleren Lohn kann es doch gar nicht geben! Vor allem, weil ich selbst an diesem regnerischen Morgen keine rechte Energie hatte ... bis zu diesem Zeitpunkt. Zufriedenheit entsteht aus Geben und Nehmen; und Glück ist ansteckend!

In Körber wird mir der Weg auf einer ehemaligen Bahnstrecke empfohlen. Er wird gerade zum Radweg ausgebaut. Obwohl ich Asphalt nicht mag, heute ist mir das angenehm ... abseits der Straße, auf der ich heute von den LKW immer mit einer Dusche bedacht werde. Aber in Schlotheim ist Ende dieser Ausweichmöglichkeit. Von hier geht es nur über die Bundesstraße wie mir ein Mann sagt. Und es fängt heftiger an, zu regnen. Mein Handy klingelt. Jürgen und Rosi richten mir Grüße vom Burgverein aus und wünschen mir auch persönlich alles Gute.

Und da ich gerade mal das Telefon in der Hand habe, könnte ich ja meinen Papa und Margrit anrufen und fragen, ob sie wirklich heute abend ins Hotel zur Erzählveranstaltung kommen bei dem Wetter. Sie wohnen ja nicht weit weg im Eichsfeld. Natürlich kommen sie und dann kommt es: "Du bist in Schlotheim? Da kannst Du doch einfach ins Schloss gehen ..."  "Ja, am Schloss bin ich gerade vorbei gekommen. Das ist ein Kinderheim." "Genau und da arbeitet René ..." René ist mein Schwager, ich weiß, dass er in einem Kinderheim arbeitet, aber wir haben niemals darüber gesprochen, wo genau. "... und dann trinkst Du einen Kaffee bei ihm und wir holen Dich dort ab."

Gesagt, getan. Ich gehe also ein Stück zurück ... ins Schloss Schlotheim, das eine Kinder- und Jugendtherapie ist, die von meinem Schwager geleitet wird. Er ist überrascht, aber dann meint er: "Dann kannst Du mir ja mal genauer erzählen, was Du eigentlich so machst." Also erzähle ich, während mein Umhang und Gugel auf der Heizung trocknet und wir einen Kaffee zusammen trinken. Plötzlich fragt er: "Bist Du darauf vorbereitet, zu erzählen?" Natürlich bin ich das ... bin ja schon mittendrin. Er meint natürlich: für die Kinder seiner Therapiegruppe erzählen und das weiß ich auch. Sehr gerne mache ich das ... nach einer Führung durch die Räume des Schlosses und ich merke, wie sehr auch er seine Berufung liebt.

Und was soll ich Euch sagen: Es ist ein Erlebnis ... für die Kinder und für mich. Man hätte eine Stecknadel fallen lassen können, so aufmerksam lauschen die überwiegend Jungen meinen Geschichten. Und staunend erleben sie mich dann auch mit meiner vollen Ausrüstung (Rucksack, Umhang, Wanderstock) bei der Verabschiedung. Im August werden wir uns wieder sehen ... in Schloss Schlotheim.

Meine letzten 7 km an diesem Tag werde ich von meinem Papa "chauffiert". Am Abend hört er mich im "Thüringer Hof"in Ebeleben zum ersten Mal öffentlich erzählen ... und das verschlägt ihm glattweg die Sprache (dabei erzählt er auch sooo gerne im kölschen Dialekt meiner Großmutter).

Im Gastraum des Hotels hängt eine Geschichte (Abgedruckt im Ebelebener Bezirksblatt von 1929) "Goethe in Ebeleben". Ich lasse mir eine Kopie davon geben, denn das Gedicht darauf spricht mich vor allem mit seiner letzten Strophe an:

"... Flüsternd klang es an mein Ohr
Wie von Frühlingsgeistern:

Lass Dich stets leiten von der Natur,
Wolle nie sie meistern!"

(Der Geschichte nach schrieb Goethe dies bei einem Besuch im März 1781 in Ebeleben in das Stammbuch von Prinzeß Karoline)

 20.05.2010 - Nasse Füße auf dem Weg zur Wanderhütte
12. Etappe - Von Ebeleben nach Kelbra Seecamping - 31 km

Zum Frühstück finde ich im gehäkelten Eierwärmer 3 meiner Wachteleier, die ich gestern in der Küche abgab. Da hatte ich doch etwas ganz besonderes;-)

Schon um 07:45 Uhr laufe ich aus Ebeleben los, denn heute habe ich meine längste Etappe zu bewältigen. Es regnet nicht mehr und deshalb sind die 3 km Bundesstraße auch kein Problem für mich. Danach drehe ich auf Nebenwegen nach Norden ab. Im Ort Schernberg weitere 3 km weiter treffe ich auf den "Glöckner" (der Mann erklärt mir, dass es seine Aufgabe ist, die Kirchenuhr aufzuziehen und von da kommt er gerade). Im Gespräch macht er mich auf den "Königsplatz" aufmerksam. Das ist eine Stelle am Waldrand, an der 1805 der preußische König Friedrich Wilhelm III und seine im Volk sehr verehrte Gemahlin, Königin Luise, vom Landes-Fürsten empfangen wurde. Es war sozusagen ein Picknick im Wald, zu dem ein Orchester spielte. Der Mann erzählt mir, dass auch seine Großmutter noch ein Bild der Königin in ihrer guten Stube aufgehängt hatte. Mit Gottes Segen verabschiedet er sich von mir. Den Königsplatz wollte ich nun unbedingt sehen. Eine wunderschöne Blutbuche - damals zu Ehren des Königspaares gepflanzt - steht dort. Doch dieser Abstecher von meinem ursprünglich ausgewählten Weg kommt mir dann teuer zu stehen...

... denn im kniehohen Gras, das noch nass vom Regen der letzten Tage war, bekomme ich nasse Hosen und Füße. An der nächstmöglichen Rast wechsele ich die Socken. Der Versuch, in Bundschuhen weiter zu laufen, mißlingt total ... vor allem, weil die am Rucksack angebundenen Schuhe hin- und herschaukeln und mir dann gegen die Beine. Also ziehe ich die nassen Schuhe wieder an und marschiere kräftig, dass die weiten Hosen im Wind trocknen ;-)

Über eine mittelalterlich anmutende Pflasterstraße geht es kurz darauf talwärts nach Sondershausen über fast 6 km. Dann laufe ich durch die Stadt und es beginnt wieder zu regnen. Deshalb suche ich am Ortsausgang ein Einkaufszentrum auf, es ist 13:30 Uhr ... ohnehin Zeit, sich auszuruhen - in einem Schnell-Restaurant (eine Seite Fleischerei-, andere China-Imbiss) Seltsam werde ich hier beäugt. Hier sind sie, die Frauen in meinem Alter "mit dem verbitterten Zug um den Mund" (der Ausspruch eines Freundes kommt mir in den Sinn). Ich verurteile sie nicht dafür. Doch ich sehe ihre Verwunderung über mein Aussehen und mein selbstbewusstes Auftreten (das wohl irgendwie nicht zu dem passt, wofür sie mich halten). Und ich frage mich, ob ich vielleicht auch an ihren geheimen Wünschen gerade rühre. - Und in einer Einstellung fühle ich mich hier bestätigt: NIEMALS werde ich in einem Einkaufszentrum erzählen. Die Menschen würden es gar nicht wertschätzen!

Vom Ortsausgang Sondershausen sind es 8 km bis zum nächsten Ort Badra. Es zieht sich unerträglich, obwohl die Straße nicht groß befahren ist. Ich zähle die Kilometer an den Begrenzungs-Pfosten ab. Um 16 Uhr habe ich es geschafft und kehre in den leeren Landgasthof ein. Dort trinke ich ein Radler und plaudere mit der Wirtin. Sie verlangt kein Geld von mir. Ich bedanke mich und wünsche ihr mehr Gäste für die kommenden Pfingst-Feiertage. Noch 3 km bis zum Campingplatz ...

... und ich mache den Fehler, von der Straße abzuweichen auf einen Wanderweg. Zum zweiten Mal an diesem Tag bekomme ich im Kellental nasse Füße. Genau darum war man im Mittelalter auf den Höhenwegen unterwegs. Wagen wären hier bestimmt auch stecken geblieben.

Endlich, der Stausee liegt vor mir, nur noch wenige hundert Meter und ich habe es geschafft. Es ist kurz vor 18 Uhr. Doch dann der Schock. Als ich an der Rezeption auf meinen Hüttenschlüssel warte (bezahlt hatte ich schon von zu Hause aus bei der Reservierung), wird mir klar, dass ich eine Wanderhütte ohne Heizung und ohne Kochgelegenheit habe (ich wollte mir doch die restlichen Wachteleier in die Pfanne "hauen")!!! Wo soll ich meine Schuhe trocknen? Ich lasse mir Zeitungen geben. Nicht nur die Schuhe stopfe ich damit aus, auch Socken und Hosen wickele ich darin ein ... bereite alles für die Nacht vor (Bettzeug beziehen, das auch sehr feucht wirkt, meine Wolldecke darüber). "Katzenwäsche" ist angesagt, denn Duschen sind zwar kostenlos, aber ich habe kein Handtuch in meinem Gepäck und dann gehe mich im Camping-Restaurant betrinken ... schließlich habe ich ja heute sozusagen Bergfest!

  21.05.2010 - Überraschungen in Kelbra - Wie klein ist doch die Welt!
13. Etappe - Von Kelbra nach Sangerhausen - 23 km

04:30 Uhr: Natürlich habe ich mich nicht wirklich betrunken ... mit 2 Köstritzer Schwarzbier, einer heißen Suppe und einem Seniorenschnitzel (Ich darf das! Bin ja schon Oma ;-)
Beim Schlafen machten mir aber meine Beine wieder zu schaffen. Man glaubt gar nicht, wie schwer eine gesteppte Decke auf ihnen liegen kann. Ich weiß wirklich nicht, wie ich schlafen soll. Mit den ersten Vögeln stehe ich also auf, wechsele noch einmal die Zeitung in meinen Schuhen. Hose und Strümpfe hatte ich im Waschhaus auf die Heizung gelegt, aber meine Schuhe wollte ich nicht dort lassen ... nicht dass sie am nächsten Morgen weg sind. Dann schlafe ich noch mal ein ...

07:00 Uhr Aufstehen, Waschen, Zähneputzen, Beine mit Salbe versorgen, Sachen heraus suchen, Rucksack neu packen, Trinkwasser tanken. Anschließend Frühstück am Kiosk. Kaffee-XL + Käsebrötchen für 3,20 Euro. Weitere Kiosk-Gäste an dem Morgen sind Männer - solche und solche ... Mann 1: "Wandern tun Sie also, ich bin auch viel gewandert ... Wieviel km pro Tag ... so 25 ... kein Thema, kann ich auch." Mann 2: (schelmisch aus dem Hintergrund und mit anerkennen Blick zu mir) "Aber bestimmt nicht mit so einem Rucksack ... der hat sein Gewicht!"

Die Sonne kommt heraus und ich mache mich auf den Weg. In Kelbra am Seniorentreff sehe ich Luftballons und höre Kinderstimmen. Ich schaue um die Ecke und frage, was denn hier gefeiert wird: "60 Jahre DRK" - Ich stelle mich als "wandernde Mundwerkerin" vor und erzähle gerne, wenn es gewünscht ist für die Kinder (Es sind Ferien und so sind es Kindergarten- und Grundschulkinder, die dort ihre Luftballons zum Wettbewerb aufsteigen lassen). Alle sind begeistert. Eine Erzieherin kommt nach der Geschichte auf mich zu: "Wir dachten zuerst, Sie sind vom DRK bestellt. Es war sehr schön." Sie drückt mir 10 Euro in die Hand und fragt, ob ich noch Zeit habe, ein zweiter Kindergarten würde noch kommen. Die Zeit nehme ich mir gerne!

Kurz darauf auf dem Markt von Kelbra - ich suche gerade in meiner Karte nach dem richtigen Weg - werde ich angesprochen: "Sind Sie nicht die Frau, die vom Taunus nach Potsdam wandert?" - Ich bin erstaunt und erfahre, dass Frau und Herr Creutzberger aus Usingen hier zum Pfingstbesuch sind. Aus der Presse bei uns zu Hause hatten sie alles über mich gelesen und nun treffen sie mich hier in Kelbra. Einige Erinnerungsfotos werden gemacht und dann verabschieden sie mich in den sonnigen Tag.

Der Geo-Pfad von Kelbra aus bietet ein wunderschönes Panorama auf den Kyffhäuser. Die Sonne fängt an zu brennen. Das erste Mal auf meiner Wanderung gönne ich mir eine Marsch-Erleichterung und ziehe das Oberkleid aus. Es geht über Wiesen und Felder. Kein Baum und kein Strauch bietet so richtig Schutz ... auf dem Platz, an dem ich eigentlich rasten möchte, weil ich Baumstämme zum Ab- und Aufsetzen meines Rucksackes finde, entdecke ich jede Menge großer roter Waldameisen ... also nichts mit hinsetzen ...

... und am Ende des Tages muss ich dann noch 9 km auf einem Radweg neben der Bundesstraße B80 und durch Sangerhausen laufen. Die Sonne und meine Füße brennen. "Sie sind hier am Anfang der Stadt, um zum Rosarium zu kommen, müssen Sie ganz durch!" Mitleidige Worte eines Radfahrer-Paares, doch ich weiß das. Ziemlich geschafft komme ich um 17:30 Uhr an. Ich will keinen Schritt mehr tun. Die Pension "Am Rosarium" hat kein Restaurant, also frage ich nach einem Pizza-Service und bestelle telefonisch. Die lange Wartezeit (wahrscheinlich weil ich nur eine Pizza haben wollte) überbrücke ich mit einem Gespräch mit der "Oma des Hauses" und einem guten Rotwein im gemütlichen Frühstücksraum. Alles ist sehr familiär und angenehm eingerichtet. Einen Moment denke ich darüber nach, meine Ruhetage zu verlegen. Ich könnte in Eisleben anrufen und sagen, dass ich später komme.

Doch ich schiebe diesen Gedanken wieder beiseite. Schließlich ist bisher alles nach Plan gelaufen. Margrit ruft an, mein Papa und sie hatten befürchtet, dass ich nach der Kelbra-Etappe aufgeben würde ... so nass und frierend. Doch mir geht es wieder gut. Und außerdem haben sich Bernd und Richard für den Pfingstsonntag (also übermorgen) angekündigt. Statt mir neue Kleidung zu schicken, könnten sie diese doch auch bringen, meinte mein Mann. Ich freue mich darauf, dass wir dann gemeinsam einen meiner freien Tage verbringen. 

  22.05.2010 - 24.05.2010 - Von den Pfingstburschen "entführt" in Holdenstedt!
14. Etappe - Von Sangerhausen nach Lutherstadt Eisleben - 20 km

An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Gedanken einfügen, der mir erst nach meiner Wanderung wirklich bewusst wurde: In Kelbra bin ich ja nun von Thüringen nach Sachsen-Anhalt "eingereist". Diese Grenze war mir während der Wanderung gar nicht so bewusst. Später habe ich einmal auf eine Frage geantwortet, wie denn die Menschen unterwegs auf mich reagiert haben, dass die Thüringer u. a. besonders freundlich gewesen seien. Doch damit schloss ich die Menschen im Südharz und Mansfelder Land mit ein ... es ist einfach so, dass sich die Sprache dort nicht viel verändert. Die Leute sprechen eben thüringisch, wenn sie nicht gerade zugezogen sind und sie vermitteln mir genau dieses Gefühl von Offenheit und Gemütlichkeit.

Der Tag in Sangerhausen beginnt schön, ich habe von meinem Zimmer aus einen herrlichen Blick über die Terrasse auf ein Rapsfeld gegenüber. Das Bett war prima und die Decke federleicht (ganz das Gegenteil von Kelbra. Beim Frühstück genieße ich den sehr persönlichen Service und werde geradezu gedrängt, ein Brötchen für unterwegs mitzunehmen. Pension "Am Rosarium" - sehr zu empfehlen!

Von der Pension aus geht mein Weg durch ein Neubaugebiet hinaus über die Felder. Hier erlebe ich dann, dass es darauf ankommt, die Karte RICHTIG zu lesen. Wenn ein Radweg die Bundesstraße auf der Karte eben nicht kreuzt, dann kommt man da auch nicht rüber (Leitplanken), sondern muss der Straße bis zur nächsten Kreuzung folgen, dort überqueren und dann zu der Stelle auf der anderen Seite zurück laufen ... da hätte ich ja gleich Straße laufen können. Der Weg ist allerdings sehr schöne über das Feld und dann in den kühlen Wald hinein. Doch plötzlich verliert er sich ... wird morastig und verwachsen. Ich weiche auf einen Erdwall rechts vom Weg aus (sieht aus wie hier im Taunus Reste des Limes) und hangele mich dort an den Bäumen vorbei. Einmal bleibe ich mit dem Rucksack hängen, weil das Geäst teilweise sehr dicht ist. So schlage ich mich praktisch wieder einmal durch den Urwald auf einem ausgewiesenen Wanderweg ... und breche dann an einer Straße heraus.

Dort hält in dem Moment ein Auto mit Chemnitzer Kennzeichen. Ich frage das ältere Ehepaar, ob die Ortschaft rechts von mir Bayernaumburg ist. Das wird mir bejaht. Also bin ich völlig richtig gelandet! "Sind Sie ganz allein unterwegs?" So fragt der Mann und dann weiter: "Haben Sie keine Angst ... bei dem, was heute so alles passiert ... mit den ganzen Verbrechen?" Und die ganze Zeit, in der er mir die schrecklichsten Bilder sozusagen malt, höre ich immer wieder seine Frau seufzen: "Ach, ich könnte mir das wirklich schön und spannend vorstellen." :-)
Hätte ich mir die Warnungen des Mannes vielleicht zu Herzen nehmen sollen?

Es ist nach der Mittagsstunde. Ich habe Beyernaumburg und die dahinterliegende Ortschaft durchquert, als ein "Bumm, Bumm, Bumm ..." an mein Ohr dringt. Wahrscheinlich wieder ein Auto mit überlauter HIFI-Anlage, denke ich mir. Aber das Auto, das an mir dann vorbei fährt, ist es nicht. Etwa 500 m vor mir liegt der Ort Holdenstedt und jetzt sehe ich es. Die Straße wird abgesperrt und eine Blaskapelle geht durch. Dahinter ein LKW der Birkenbäume verteilt. Ah, da wird also das Pfingstfest vorbereitet. Aus Richtung dieser Gruppe kommt plötzlich ein Kleintransporter ... fährt langsamer ... hält bei mir an und die Beifahrer-Scheibe wird herunter gelassen. Ein Mann in meinem Alter spricht mich vom Fahrersitz aus an ... fragt, wer oder was ich bin. Ich antworte, dass ich "wandernde Geschichtenerzählerin auf dem Weg vom Taunus nach Potsdam" bin. Ob ich etwas Zeit hätte? Diese Frage weiß ich noch ganz genau und dass ich antworte, dass ich ja nicht mehr weit bis Eisleben habe und deshalb nicht in Eile bin. Doch was er noch sagt, daran erinnere ich mich nicht mehr so ganz genau ... lediglich "Burschentanz", "Maien verteilen", "Außenhäuser mit dem kleinen Fahrzeug", "Ihnen mal zeigen" ... und dann kommt die eindeutige Aufforderung:

"Sie werfen jetzt Ihren Rucksack hinten rein und nehmen hier auf der Beifahrerseite Platz!"

Hatte nicht gerade vor 1,5 Stunden ein Mann gesagt, ich solle auf der Hut sein? Bin ich hypnotisiert oder warum zögere ich keinen Moment ... auch nicht, als aus dem hinteren Teil des Transporters von der Ladefläche ein zweiter jüngerer Mann springt ..

... der allerdings sehr süß lächelt. Ich werfe meinen Rucksack neben die hinten deponierte Birke, will mich neben den Fahrer setzen ... Ach ja, mein Stock, der muss auch noch hinten rein. Und dann geht die Fahrt los. Der Fahrer redet und ich höre zu. Wir halten an einem Haus, wo der Baum abgeliefert wird. Der Bewohner schaut neugierig: "Wen habt Ihr denn da?" "Eine Geschichtenerzählerin ... wir wollen ihr mal unseren Festplatz zeigen." - Ein weiterer junger Mann springt hinten auf die Ladefläche. Er hätte gerade nur mal "das Bier wegtragen müssen" und mein "Entführer" bittet um Verständnis, es gehe eben auf solch einem Fest nicht ohne den Alkohol. "Ja, wir haben praktisch immer nur eine Hand frei bei den vorbereitenden Arbeiten." Dazu fällt mir eine Geschichte ein und ich schlage vor, dass ich sie gerne nachher erzähle. Aber erst einmal erwähne ich, dass ich von all dem erzählen werde, was mir hier passiert (sozusagen als kleine Warnung, falls sie doch etwas "Unredliches" mit mir vor haben ;-) Und als ich bemerke, dass nur eine Frau mal "anym" bleiben wollte, meint der Bursche, der zuletzt dazu kam: "Wenn Sie von mir erzählen, dann erwähnen Sie aber meinen richtigen Namen. Ich heiße Semm - S-e-m-m, David Semm!" (Was ich hiermit getan habe.)

An einer Kreuzung schaut ein weiterer Bewohner neugierig und ich werde darauf aufmerksam gemacht, dass der auch viele Geschichten erzählen könne, es wäre sozusagen der Orts-Chronist. Und dann sind wir auch schon bei der Dorflinde ... ein schöner Baum, unter dem der Tanzboden und drumherum Stände, eine Kegelbahn, Karussell u.ä. aufgebaut ist. Ein weiterer Mann kommt dazu und lacht. Er hat mich heute schon dreimal gesehen. Im Nachbarort hatte er mich sogar gegrüßt. Ich erfahre also, dass das der "Pfingstburschentanz" das größte Volksfest im Ort ist und mein "Entführer", Uwe Teiwes, dem Verein der Pfingstburschen vorsteht. Drei Tage wird gefeiert und am Pfingstmontag gäbe es einen Gottesdienst unter der Dorflinde.

Ich bin begeistert: "Oh, das ist aber sehr schön. Ich habe ja Ruhetage in Eisleben. Gerne wäre ich dabei. Aber wie komme ich so früh die 10 km hierher."

"Ach, da könnten wir vielleicht einen Shuttle-Service einrichten," schlägt Uwe Teiwes vor. Ich bin überrascht und vor allem weiß ich nicht, ob ich das für "bahre Münze" nehmen darf. Ich überlege nur kurz und hole eine meiner Visitenkarten aus dem Rucksack. Auf die Rückseite schreibe ich meine Handy-Nummer. Dann gebe ich sie Uwe mit den Worten: "Wenn Sie sich Montag früh noch an mich erinnern, dann rufen Sie mich an. Ich komme gerne."

Nachdem ich dann noch die angekündigte Geschichte erzählt habe ... zu der David Semm meint: "Sie können sehr gut erzählen. Sie könnten mir vorlesen, dann würde ich auch mal aus Büchern lernen." ... wurde ich von Uwe Teiwes durch das Dorf gefahren (was sicherlich für jede Menge Dorfgespräch sorgt unter den vielen Zuschauern am Straßenrand... er mit einer fremden und fremdartigen Frau im Auto). Am Dorfende unterhalten wir uns noch ein wenig. Vielleicht könnte ich ja am Montag auf dem Gottesdienst eine Geschichte erzählen ... ob er mit dem Pfarrer darüber sprechen könnte ... aber dessen Programm sei ja auch schon sehr umfangreich ... die Dorfjugend beteiligt sich ja auch. Ich bin wirklich neugierig geworden. Aber würde er wirklich anrufen?

Ich wandere erst einmal weiter nach Eisleben-Helfta, freue mich auf mein Hotel für das Wochenende ... der Name war vielversprechend und der Mann am Telefon, den ich von unterwegs angerufen und nach dem Fußweg gefragt habe, war sehr freundlich ... und erlebe die größte Enttäuschung meiner Tour ...

Tja, eine Ent-Täuschung kann ja nur auftreten, wenn wir uns täuschen lassen. In diesem Fall war es wohl so, dass mir der Name des Hotels ("Auszeit") Aussicht auf ein schönes, entspanntes Wohlfühl-Wochenende versprach. Doch wollte sich einfach kein wirkliches Wohlgefühl einstellen. Ich habe mich natürlich gefragt, woran es liegt ...

* vielleicht daran, dass die Einrichtung im grauen Büromöbelstil (Kleiderschrank, Bett
  Schreibtisch, büromäßige Tischlampen) nicht meinen Vorstellungen einer "Auszeit"
  entspricht?
* vielleicht, weil wahllos "zusammengewürfelte" Kunstblumen-Arrangements natürliche
  Pflanzen nicht ersetzen können?
* vielleicht, weil künstliche Düfte nicht über nachlässige Reinlichkeit hinwegtäuschen
  können? (Mein Zimmer wurde das ganze Wochenende weder gereinigt, noch meine
  Handtücher gewechselt!)
* vielleicht, weil das Bett das schlechteste auf meiner Wanderung war? Ich empfehle jedem
  Gastwirt, einmal in seinen eigenen Betten zu schlafen.
* vielleicht, weil ich den Eindruck hatte, dass alles auf möglichst schnelle und einfache
  "Handhabung" des Hotelbetriebes ausgelegt war ... keine Begrüßungs-/Infomappen auf
  dem Zimmer und die Rezeption größtenteils nicht besetzt - Flyer an der Rezeption, die
  auf Veranstaltungen 2008 und 2009 hinweisen - schlechte Information über Schließzeiten
  des Restaurants und keine Möglichkeit, wenigstens Getränke während dieser Zeit zu
  erhalten - Kleinverpackungen beim Frühstück die unnötigen Müll produzieren.
* vielleicht, weil ich folglich den Preis von 39 Euro + 6 Euro Frühstück (und rund 14 Euro
  für ein Putensteak Hawaii am Abend) für völlig überzogen hielt.

"Wenn ich mit Menschen
und mit Engelszungen redete
und hätte die Liebe nicht,
so wäre ich ein tönend Erz
oder eine klingende Schelle ..."
(1. Korinth. 13.1)


Hier hat einfach die Liebe gefehlt ... die Liebe zum Hotelgewerbe ...  und das ist ehrlich sehr, sehr schade! Doch manchmal im Leben ist es so, dass uns das, was wir woanders so schmerzlich vermissen, aus einer anderen Richtung zurück bekommen. Bei mir war es so, dass ich am Pfingstsonntag ja von meinem Mann und Sohn besucht wurde. So bekam ich nicht nur neue Sachen, eine Fußpflege (an meine Füße lasse ich nur meinen Mann ran) und einen wunderschönen Ausflug in den Kyffhäuser. Das Abendessen beim Griechen war der krönende Abschluss, bevor die beiden wieder nach Hause gefahren sind.

Und was war mit den Pfingstburschen aus Holdenstedt? Haben Sie angerufen? Ja, sie haben!

Und das war dann mein besonderes Pfingstmontag-Erlebnis, von dem ich hier nicht berichten werde. Wer genau wissen  möchte, wie das gelaufen ist (*schmunzel*), der muss sich das von mir live erzählen lassen. Nur so viel sei noch verraten. Ich habe dann gefragt, was es mit dem Namen des Vereins "Pfingstburschen 1666 e.V." auf sich hat. Und da wurde mir erzählt, dass dies auf eine Tagebuch-Notiz des Pfarrers aus dem besagten Jahr zurück geht. Er beklagte sich darüber, dass die Moral im Ort durch den Pfingstburschentanz massiv gefährdet sei. Nun, ich kann das überhaupt nicht bestätigen. Ich wurde wie eine Königin behandelt in Holdenstedt. DANKE!

Bevor ich mein Zimmer bezahlen kann, muss ich an der Tankstelle noch Geld holen (Ja, das kann man neuerdings mit einem Postbank Konto). Meine Reisekasse, die ich beim Start mit ca. 150 Euro und zwischendurch mit den Spenden gefüllt hatte, ist leider leer. Wenn ich vor 300 Jahren gelaufen wäre, hätte ich mich jetzt wohl erst einmal - vielleicht als Zimmermädchen - etwas verdienen müssen. Aber heute gibt es ja zum Glück EC-Karten ;-)

   25.05.2010 - Seniorenstammtisch in "Klein Italien"
15. Etappe - Von Lutherstadt Eisleben nach Höhnstedt - 15 km

Ich habe meine ungastliche Herberge verlassen. Doch auch solche Erlebnisse sinde eben das, was wir "Leben" nennen. Auch die "Beckerin von Eschbach" wird nicht immer beste Aufnahme gefunden haben. Im Prinzip kann ich die Familie, die das Hotel betreibt, nur bedauern und ihr wünschen, dass die Liebe Einkehr findet.

Auf meinem Weg zum Süßen See komme ich an "Luthers letzte Fahrt" vorbei. Auf einer Tafel lese ich, wie er diese Gegend "hart vor Eisleben" beschrieb: "Plötzlich auffällige Kälte und ein harter Ostwind, als ob es mir das Hirn zu Eis machen wollte." (01. Februar 1546) Nach seiner Ankunft in Eisleben erkrankte er und starb wenig später.


Viel zu früh komme ich in Höhnstedt an. Erst ab 18:00 Uhr soll ich in der Pension sein, weil eigentlich Ruhetag ist. So suche ich eine andere Gaststätte auf und stoße auf einen "Senioren-Stammtisch", die sich regelmäßig hier treffen. Mit dem Mittagessen geht es dann immer los und über Eis und Kaffee plaudert man bis in den späten Nachmittag.  Ich lausche den Gesprächen der älteren Damen und eines Herrn. Dann fasse ich mir ein Herz und frage, ob ich mich dazu setzen darf. Mehr als 3 Stunden unterhalten wir uns gegenseitig mit unseren Geschichten. Ich werde dazu überredet, das Alter der Einzelnen zu schätzen. Oh Gott, wie liege ich daneben bei der ältesten Dame ... ich schätze sie auf 83 Jahre und sage noch dazu, dass sie dabei jedoch noch jünger aussieht. "Da legen Sie mal noch 12 Jahre drauf!" meint sie lachend.

Ich erfahre, dass die Gegend um den Süßen See auch "Klein Italien" (wegen des guten Klimas) genannt wird, dass die Bildung von Großgemeinden vor allem bei den älteren Leuten für Unmut sorgt, weil die Identität des Ortes verloren geht ("Salzatal, was ist denn das für ein Name?") ...

... und später an einer Tafel noch, was Luther über Höhnstedt schrieb:

"Hier ist der Wein gut.
Das Bier hat der Teufel mit Pech verdorben
und woanders verdirbt den Wein der Schwefel.
Aber hier ist der Wein gut!"

Da fällt mir doch glatt das mexikanische Märchen vom Teufel und dem Wein ein.

  26.05.2010 - Aus der Heide in den Beton-Dschungel!
16. Etappe - Von Höhnstedt nach Halle - 19 km

Seit Eisleben ist der Europäische Fernwanderweg mit dem Lutherweg identisch. Hinter Höhnstedt teilt er sich jedoch. Ein "Zweig" führt nach Wettin und einer nach Halle. Zunächst habe ich den richtigen Weg aufgenommen, in Schochwitz muss ich jedoch irgendwie falsch gefolgt sein (Hat mich der Ruf der Pfauen irritiert?). Als ich in Fienstedt lande, bin ich mir sicher, dass ich sozusagen außen um Halle herum laufen würde. So gehe ich in Richtung Bundesstraße nach Salzmünde.

Kurz vor Salzmünde komme ich an diesem "Archäologischen Denkmal - Grabhügel aus der Jungsteinzeit" vorbei. Auf dem Hügel steht ein Denkmal mit stark verwitterter Inschrift:

"Der Pfalz- und Landgräfin von Thüringen, Elisabeth der Heiligen, der ungarischen Königstochter - die dankbaren Gemeinden Goedewitz und Salzmünde. Sie beglückte benachbarte Ortschaften mit großen Wohltaten, die im Munde des Volkes unvergessen bleiben und stiftete am Himmelfahrtstage 1222 auf dieser Stätte eine Festfeier zur Erinnerung an die bezeigte Liebe und Verehrung. Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist geweiht ..."

Aus Dankbarkeit für die freundliche Aufnahme in Fienstedt soll besagte Elisabeth die Bauern vom Zehnten befreit haben ... unter einer Bedingung: Jedes Jahr am Himmelfahrtstage sollte es an diesem Hügel ein Fest geben, zu dem die Bauern 7 Faß Bier an die umliegenden Gemeinden und auch an Fremde ausschenken. Als sogenanntes "Bierhügelfest" wird es auch heute noch begangen. Im 19. Jahrhundert drohte es jedoch in Vergessenheit zu geraten. Damals wurde eine Stiftung ins Leben gerufen, die auch wohl die Inschrift angebracht hat.

Was kümmerte es, dass besagte Wohltäterin nicht die Heilige Elisabeth gewesen sein konnte, denn es ist nicht bekannt, dass sie im Mansfelder Land gewesen ist. Wahrscheinlicher handelt es sich um eine andere Elisabeth, Frau eines Landgrafen um das Jahr 1330. Fakt ist jedenfalls: Da sowohl die Sage, als auch die Stiftung ausdrücklich fordert, dass der Bierhügel nicht abgetragen werden darf, lässt sich die eigentliche Herkunft als jungsteinzeitlicher Grabhügel nicht klären.

So komme ich also durch Salzmünde, wo ich nach einem Einkauf im EDEKA wieder einmal ein zünftiges Picknick im Park mache. Dann geht es weiter durch die Dölauer Heide nach Halle hinein. Am "Heidebahnhof", der nur noch eine Ausflugsgaststätte ist, habe ich eine nette Begegnung mit der Bedienung dort. Ich möchte eigentlich ein Eis, während die Kollegin in der Truhe nach dem gewünschten sucht (und erst auch erst mal suchen  musste, wo sich die Truhe befindet ... denn man hatte mich zunächst ständig zwischen dem Außenkiosk und drinnen hin- und hergeschickt), fragt sie mit einem strahlenden Lächeln: "Möchten Sie eigentlich einen Kaffee?" Klar, möchte ich. Den bringt sie mir dann und auch das Eis und ich zahle nur 1 Euro insgesamt.

Halle-Neustadt ... Neubaugebiet. Obwohl ich in mittelalterlicher Gewandung unterwegs bin, nimmt kaum ein Mensch überhaupt Notiz von mir. Die Menschen scheinen viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Ein kleiner Junge, vielleicht 3 Jahre, schaut mich unentwegt an, sucht Kontakt, aber die Mutter zieht ihn weiter. Ich beobachte Kinder mit Fahrradhelmen in Begleitung eines Mannes, die in einem Altmüll-Container nach noch brauchbaren Dingen stöbern. Was sagen mir noch verpackte Plastik-Trinkbecher und eine gefüllte Federmappe ... weggeworfen?

In der Innenstadt erkundige ich mich nach dem Weg zum Hotel "Atlas". Als ich von mehreren Passanten nur Kopfschütteln bekomme, meldet sich von allein an netter Herr: "Was suchen Sie ...?" und empfiehlt mir die Straßenbahn wegen Bauarbeiten. Das Hotel ist sehr gut. Gerade neu gestaltet inmitten sanierungsbedürftiger anderer Häuser. Die Zimmer sind modern und sehr angenehm eingerichtet. Ich habe eine schöne Aussicht im 4. Stock. Ein einfaches Büffett für 9,99 Euro zum Abend wird angeboten, sehr schmackhaft. Die Weinempfehlung dazu ist ausgezeichnet. Das Service-Personal ist ohnehin super freundlich. Ich bekomme zwei mögliche Routen für den nächsten Tag ausgedruckt, da ich für diesen Teil der Strecke keine Karte habe (was ich ja heute schon schmerzlich vermisst hatte).

  27.05.2010 - Landstreicherin unterwegs auf Kopfsteinpflaster
17. Etappe - Von Halle nach Zörbig - 20 km

Ich bin heute mächtig antriebslos. Doch im Bett bleiben kann ich nicht. Um 06:45 Uhr bin ich beim Frühstück. Ein leckeres Buffett wartet auf mich, aber allein essen ohne Unterhaltung deprimiert mich noch mehr. Wegen meiner Halsprobleme nehme ich statt Kaffee lieber Tee mit Honig.

Auf dem Weg, der mich am schnellsten aus der Stadt heraus führt, verlasse ich Halle ... auch wenn er länger ist. Die Stadt ist grau, laut. Autos donnern über das Kopfsteinpflaster der Berliner Straße. Aber selbst hier versuchen die Vögel mit ihrem Gesang den Lärm zu übertönen. Ob sie außer mir überhaupt jemand hört? Oder werden sie genausowenig beachtet wie die seltsame Wanderin mit dem schweren Rucksack?

Der Wind ist Kalt. Wozu doch eine mittelalterliche Haube gut ist.

Gegenüber von Metro und McDonalds beginnt wieder die dörfliche Umgebung. Aber die Autobahn ist schon zu hören. Auf einer Bank unter einer Linde ruhe ich aus. Ein Hahn kräht.

In einem der nächsten Dörfer komme ich an einer Kita vorbei. Der "Froschkönig" und mehrere Kinder an den Fenstern lachen mich an. Ich könnte ja anbieten, zu erzählen ... denke ich mir und klingele einfach. Kinder kommen an die Tür und fragen: "Warum bist Du verkleidet?"
Dann die Erzieherin. Ich stelle mich als Geschichtenerzählerin auf der Wanderschaft vor und dass ich gerne die Kinder mit meinen Erzählungen erfreue, wenn es denn gewünscht wird. Die Frau schaut mich mißtrauisch an und erklärt dann: "Das ist jetzt ungünstig, wir haben eine zahnärztliche Untersuchung im Haus." - Das stimmt, ich sehe es durch das Fenster und ich habe Verständnis dafür. Aber bevor ich noch fragen kann, wie es in den anderen Gruppen des großen Hauses aussieht und ob ich vielleicht einmal kurz meinen schweren Rucksack absetzen kann, kurz verschnaufen und aufwärmen ... werde ich sofort mit dem Satz kalt geduscht: "Verlassen Sie bitte wieder das Haus durch diese Tür!" - Meine Antwort mit einem freundlichen Lächeln war kurz und bündig: "Selbstverständlich!"

Meine Frage: Was haben die umstehenden Kinder dabei gelernt? :-)

Es ist einfach nicht mein Tag: Kopfsteinpflaster, kalter Wind, keine Bänke oder ähnliches (die ich ja brauche, um den schweren Rucksack nach dem Ausruhen wieder aufzusetzen). Ein absoluter Depri-Tag. Kurz vor Zörbig dann der Lichtblick. Eine junge Frau hält mit ihrem Auto, hält mich für eine "Kräuterfrau" (nach so etwas sucht sie zur Zeit) und bietet mir an, mich zu meiner Pension zu fahren ... was wirklich hilfreich war, denn wenn ich der Beschilderung für Autofahrer weiter gefolgt wäre, hätte ich noch einen langen (Um-)weg vor mir gehabt. So habe ich nach dem Ablegen meines Gepäcks und Umziehen noch Zeit, in die Stadt zu gehen. Ich muss mir unbedingt Mückenschutz kaufen, wenn ich jetzt in Elbnähe und nach Brandenburg komme ... und ein Pack-Set. Werde wieder einigen unnötigen Ballast (Schmutzwäsche) nach Hause schicken. Auch die Bundschuhe, die ich sonst immer bei Ankunft am Etappenort angezogen habe, gehen mit zurück. In anderen Schuhen als den Wanderstiefeln kann ich gar nicht mehr laufen ... sie sind wie angewachsen.

Zum Abendessen gibt es im "Dorotheenhof" ungarische Gulasch-Suppe im Kessel serviert - sehr nette Bedienung, sehr lecker, sehr reichlich, ihren Preis wert (letzteres kann ich allerdings von dem Zimmer nicht sagen - leider ... DAS im Preis enthaltene Fernsehprogramm hätt ich wirklich nicht gebraucht ;-)

Und was mich noch enttäuscht hat: Obwohl das Hotel mit seinem Programm "Iss was?!" eine eigene kulturelle Veranstaltungsreihe anbietet, war man nicht bereit, eine Erzählveranstaltung mit mir durchzuführen. Ich hatte im Vorfeld versucht, Bedenken darüber auszuräumen, dass ich vielleicht nicht ankommen werde ... ich hatte wie bei allen Veranstaltern angeboten, Werbematerial zur Verfügung zu stellen ... es hat leider nichts genutzt.

  28.05.2010 - Wenn Menschen zu Hause an mein Wohl denken ...
18. Etappe - Von Zörbig nach Dessau - 27 km

"Morgen beginnt ein neuer Tag und der wird schön!" Das hat mein Mann gestern gesagt, als ich mit ihm telefonierte. Der Tag beginnt auch schön, die Sonne scheint und ich komme ganz schön ins Schwitzen beim Laufen. Ich überlege, ob ich den Seidenrolli unter dem Kleid wieder ausziehe, finde aber keine passende Rast. Und als ich sie habe, kündigen dunkle Wolken Regen an. Ich vertraue darauf, dass sie weiterziehen, aber in Salzfurtkapelle erreiche ich mit Mühe gerade noch einen trockenen Unterschlupf.

Fast 2 Stunden sitze ich auf dem Tisch einer Wanderhütte am Ortsanfang ... auf der Bank sitzend hätte ich nasse Füße bekommen. 2 Stunden sitzen und nichts tun ... ein Luxus, den man sich sonst nicht gönnt oder einfach nicht gönnen kann. Ich nehme es gelassen ...
Bis ich den Geruch von Eierkuchen wahrnehme. Von wo weht der Wind ihn her?

Ich sitze im Umhang (denn mir war inzwischen wieder kalt geworden) wie ein dicker grünlicher Vogel auf einem Ast ... da fällt mir doch glatt wieder die Sage vom Vogelsberg ein.

Doch schließlich muss ich weiter ... über Tongau v. d. H. (was nicht "vor der Höhe" heißt wie bei Bad Homburg, sondern "vor der Heide") und Lingenau. Dort fängt es wieder an zu regnen, aber ich muss weiter. Es sind noch 10 km.

In Dessau-Süd folge ich dem Wegweiser zu einer Info-Tafel, finde aber keine ... aber eine Straßenbahn-Haltestelle. Ich rufe in der Pension an, welche Linie ich nehmen muss, denn inzwischen bin ich wieder klitsch-naß. Es geht über den Hauptbahnhof durch die ganze Stadt. Am Bahnhof fällt der Anschluß-Bus jedoch aus, ich warte fast eine Stunde. Doch wenigstens kommt dann die Sonne wieder raus.

Die "Igel-Pension" liegt super nett im Garten-Umfeld, in der Nähe das "Luisium" - Teil des Gartenreichs Dessau-Wörlitz. Gabriele Böckelmann begrüßt mich mit den Worten: "Sie sind bestimmt Walburga. Für Sie ist schon ein Päckchen da."
Es ist von Caroline Maurer, der Mutter eines Schulfreundes meines Sohnes ...
Lindt-Schokolade und Magnesium (gegen die Krämpfe). Wie süß! :-)

Ich kaufe mir noch was zum Frühstück, weil in der Ferienwohnung das nicht mit enthalten ist ... und bin froh, Autan gekauft zu haben. Die Mücken sind hier schon gierig.

  29.05.2010 - Herrliches Gartenreich und Ernüchterung am Tagesziel ...
19. Etappe - Von Dessau nach Coswig (Anhalt) - 21 km

Von Gaby Böckelmann habe ich den Weg ausführlich erklärt bekommen. Und sie hinterlässt mir auch noch einen lieben Gruß, als sie am Morgen vor mir das Haus verlässt. Wenn ich den Radweg über die A9-Elbebrücke nehme, sind es nur 11 km. Hatte gar nicht gewusst, dass man über eine Autobahnbrücke laufen kann. Ich durchquere die Elbauen, die Teil des "Gartenreichs" sind. Alles ist herrlich - die uralten Bäume, Störche, Reiher, Sonne, freundliche Radfahrer ...

Trotzdem merke ich, dass ich meine Energie-Grenzen erreiche. Erschöpft komme ich im Hotel "Fichtenbreite" an ... und bin ernüchtert. Es liegt mitten in einem Gewerbegebiet. Da hat mich die Beschreibung wieder einmal getäuscht. (Zitat: "direkt am Biosphärenreservat Mittel Elbe ..." Aber die Mitarbeiter sind sehr freundlich und da Connie und Dagmar, die mich besuchen möchten, noch nicht da sind, sinke ich erst einmal in den Schlaf ... fast 3 Stunden.

Beim Aufwachen bemerke ich: es riecht alles unangenehm, fühlt sich unsauber an. Ich möchte hier nicht wirklich das Wochenende verbringen. Deshalb rufe ich in Raben an und frage, ob ich morgen schon kommen kann ... so verlege ich dann einfach meinen Ruhetag und muss mich am Montag auch nicht so sehr beeilen, wenn ich die Abendveranstaltung um 18:00 Uhr wahrnehmen möchte. Es klappt - ich bin froh!

Als Connie und Dagmar kommen, entschließen wir uns, nach Dessau zu fahren. Ich zeige ihnen das "Luisium" - ein wunderschöner Park, wie Ihr sehen könnt. In Wörlitz essen wir dann im "Hauenden Schwein" sehr gut zu Abend, bevor wir ins Hotel zurück kehren. Da es uns nicht in die Betten des Hotels zieht, sehen wir uns die Entscheidung des "Grand Prix de Eurovision" an. Zum Sieg von Lena fällt mir ein Gespräch zwischen dem "Langen Strumpfstricker" und seiner Frau Jeanette aus meiner Geschichte ein:

"Hast du gesehen, wie alle Leute im Dorf dich angesehen haben? Ist ja auch niemals vorher jemand mit 25 Lenzen im Kirchen- und Gemeindevorstand gewesen."

"Will Jeannette eitel werden, weil sie doch noch 3 Sommer weniger zählt und sich in die Glorie einbezogen fühlt?"

"Man möchte meinen, du wärst nicht ein bisschen stolz, Wolf?"

"Jugend ist kein Verdienst, Jeannette. Sie bedingt nur größere Verantwortung, wenn man bedenkt, wie begrenzt das eigene Wissen und Können noch ist und wie viele Menschen beteiligt waren, einem den Platz in der Gesellschaft anzuweisen."

Wolf beschämte sie, dachte Jeannette. Doch sie fühlte auch Wärme in ihrem Herzen, denn das, was er sagte, war so ganz der Mann, in den sie sich verliebt hatte.

  30.05.2010 - 01.06.2010 Ein spontane Entscheidung erweist sich als Glücksgriff!
20. Etappe - Von Griebo nach Raben - 24 km

Nach einem längeren Frühstück - weil ich ja nicht allein war - verlasse ich mit Connie, Dagmar und Balou das Hotel. Die beiden bieten an, mich nach Griebo zu fahren, da kann ich den E 11 wieder aufnehmen und spare mir ca. 4 - 5 km. Da Dagmar ohnehin noch tanken muss, tanke ich gleich Geld für meine Reisekasse mit.
In Griebo regnet es noch nicht, aber kurz danach fängt es an, zunächst fein und langsam, dann aber nimmt die Intensität zu und ich muss wieder meinen Umhang (der auf dem Bild noch am Rucksack zusammengeschnürt ist) umhängen.
Erst als ich um 13:30 Uhr die bei Groß Marzehns die Landesgrenze von Brandenburg erreiche, kommt schlagartig die Sonne raus.

Es ist schon ein kribbeliges Gefühl, ich bin zu Fuß in meine "alte Heimat" zurück gekehrt, die ich vor 11 Jahren mehr oder weniger fluchtartig mit meinem Arbeitswechsel nach Frankfurt verlassen hatte. Und besonders erinnere ich mich daran, als ich das letzte Mal eine "Einführungsveranstaltung" für unsere neuen Auszubildenden organisierte. Es war hier im Fläming ... in einem Hotel mitten im Wald mit einer urigen Scheune, in der wir gefeiert haben ... wie hieß das doch gleich? Die Jugendlichen haben uns damals Karaoke singen lassen. "Ich bin so froh, dass ich ein Mädchen bin ..." war der Titel, den sie mir zugeteilt hatten ... "Dann lehn' ich mich zurück und lass dem Mann den ersten Schritt." Ich sag Euch, Mädels ... ob Ihr's glaubt oder nicht - es gibt jede Menge liebenswerte und doch fürchterlich "keusche" Männer, die es einfach nicht raffen wollen, auch wenn man sie noch so mit sehnsüchtigen Blicken vernascht ... also wartet nur nicht ewig und immer wieder darauf, dass ER den ersten Schritt macht! ;-)

In Rabenstein fühle ich mich in der Pension der Familie Moritz sofort total wohl. Nachdem ich mich umgezogen und den nassen Umhang im Garten unter dem Unterstand aufgehängt habe, sehe ich mir noch die Burg Rabenstein an - vor allem, weil mir dort die beste Möglichkeit für's Abendessen empfohlen wird. Im Burg-Hof, in der der nun wärmenden Sonne, esse ich eine leckere Bauernvesper.

Es ist schon etwas Besonderes, beim Frühstück auf Seidenkissen zu sitzen. "Mutter Moritz" hat sich neben vielen anderen Beschäftigungen der Seidenmalerei verschrieben. Überall hängen wundervolle Bilder (auch Aquarelle sind dabei) und Tücher in berauschenden Farben und unterschiedlichen Techniken. Der Frühstückstisch am nächsten Morgen ist liebevoll für mich vorbereitet und es wird sogar eine Kerze angezündet, als ich Platz nehme. Holzofenbrot vom Burgbäcker ergänzt das Ganze für mich ideal.

Leider ist die Künstlerin des Hauses zur Zeit sehr erkältet, doch sie und ihr Mann begrüßen mich nach dem Frühstück sehr herzlich, während der erwachsene Sohn  sich um meine Versorgung kümmert. Im Gespräch erfahre ich auch, wie das Hotel hieß ... "Alte Hölle" und es lag weiter westlich Richtung Wiesenburg ... und, dass sie zwei Söhne haben die ebenfalls als Wandergesellen unterwegs sind. Deshalb kehren auch oft Burschen bei ihnen ein. Spontan entscheidet Herr Moritz, ein Ehepaar aus Belzig (das jetzt Bad Belzig heißt) zur Erzählveranstaltung am Abend telefonisch einzuladen. Die beiden haben sich historischen Forschungen verschrieben und werden bestimmt interessiert sein, meint er.

Nach dem Frühstück gehe ich auch schon mal ins Naturparkzentrum "Alte Brennerei", wo die Veranstaltung am Abend stattfinden soll. Am Eingang schaue ich mir selbst auf einem Plakat entgegen. Einen schönen Raum werde ich haben, da können viele Zuhörer kommen. Die Frauen in der "Alten Brennerei" empfehlen mir eine kleine Wanderung von 12 km für meinen Ruhetag ... es geht nach Rädigke und zurück. Ich solle doch unbedingt das Mufflon-Gehege mit dem Nachwuchs ansehen. Es wird wirklich eine schöne Waldtour.

In Rädigke kehre ich im Gasthof Moritz (wohl nicht mit den Rabenern verwandt) ein. Der Wirt ist traditionsbewusst (Zitat: "Wir haben lange darum gerungen, hier handyfreie Zone zu bleiben" - mit einem Augenzwinkern), er engagiert sich auch in der Heimatpflege, ich hatte unterwegs schon von dem Gasthof angelegte Wanderwege entdeckt. Im Hinterzimmer finden wohl gerade neue Projektverhandlungen statt - es geht um die "Bücherei", die sich im Gasthaus befindet und auch eine Besonderheit für Veranstaltungen ist.

Die Gaststätte ist ein ehemaliger Lehnschulzenhof - was das ist, erfahre ich aus der "Kneipenzeitung", die gleichzeitig Speisekarte ist und die ich mitnehmen darf.

Um 18 Uhr erzähle ich dann fast 3 Stunden lang. Nachdem ich die Geschichte vom Strumpfstricker vorgetragen und ausführlich über die Erforschung der Sage und die Vorbereitung meiner Wanderschaft berichtet hatte, wollte ich meinen Zuhörern eigentlich eine kurze Pause gönnen. Aber wie sich schon mehrmals in anderen Veranstaltungen andeutete ... die Gäste wollten einfach keine Pause, sie brannten darauf, weiteres zu erfahren. Sie stellen Fragen und wenn mich ein Stichwort zu einer Geschichte führt, dann hören sie auch dieser aufmerksam zu, bevor neue Fragen auftauchen ...

Schließlich nehme ich dann noch mein Wandertagebuch in die Hand und erzähle über einige Begebenheiten unterwegs ... eigentlich wollte ich nur ein oder zwei Etappen herauspicken, aber Frau und Herr Kästner (das Ehepaar, das an dem morgen telefonisch eingeladen wurde) haben so Feuer gefangen, dass ich wirklich über jede einzelne Etappe kurz berichten muss. Ich beobachte meine unterschiedlichen Zuhörer: angenehm überraschte (weil sie eine Vorlesung erwartet hatten und nun erleben, dass ich frei spreche), bewegte (mit Tränen in den Augen), begeisterte (die sagen, ich erzähle mit so viel Freude)!

Vater und Sohn Moritz sind die letzten, die nach der Verabschiedung mit mir gehen. Mutter Moritz blieb wegen der Krankheit zu Hause. Sie laden mich ein, mit ihnen noch zusammen ein Glas Wein zu Hause zu trinken. Mein "Erzähl-mir-was-Pfandbrief", den Herr Moritz erhielt, führt ihn zu ganz alten Weingläsern: "Da habe ich als 12jähriger meinen allerersten Schluck Wein draus genippt. Das war ganz ungewöhnlich, hat ein wenig geprickelt." -

Aus diesen Gläsern, die wirklich einen sehr schönen Klang haben, was Mutter Moritz noch in Erinnerung war ... aus diesen Gläsern trinken wir und plaudern bis nach 23 Uhr.

Dankbar und überglücklich über einen wundervollen, langen Seidenschal in Herbstfarben, den ich geschenkt bekomme, gehe ich ins Bett. 

  01.06.2010 - Wenn der Schuh aber nun ein Loch hat ... 
21. Etappe - Von Raben nach Belzig-Springbachmühle - 17 km

Meteorologischer Sommeranfang - und es wird nicht hell! Nieselregen ... Dauerregen!

Nach dem Frühstück heißt es Abschied nehmen von Familie Moritz. Ich schenke ihnen meine Wasser-Geschichte, d. h. ich erzähle sie ihnen nicht nur - den Leinenbeutel mit den dazugehörigen Steinen übergebe ich in liebe Hände. Helmut Moritz erfreut mich dann mit einem Ständchen auf seinem Akkordeon. Dazu singt er ein Lied, dessen Text er selbst geschrieben hat:

Wie ist die Welt so groß und weit
und voller Sonnenschein.
Das allerschönste Stück davon
ist doch die Heimat mein.
Dort wo aus grünem Wiesental
die Plane quillt heraus,
in Raben, diesem Dörfchen klein,
ja hier bin ich zu Haus'

Auf Steilem Hagen fest erbaut

ist die Burg Rabenstein.
Von ihrem Turme weit man schaut
ins Flämingland hinein,
sieht weite Wälder, sanfte Höh'n
und grünes Planetal.
Mein Flämingland, wie bist du schön
und herrlich überall.


(nach einem Lied aus Südtirol)

Anschließend darf ich mich in das besondere Gästebuch eintragen. Ist es nicht verständlich, dass mir der Abschied hier ganz besonders schwer fiel? Mehrmals drehe ich mich noch zu dem Haus mit dem einladenden Vorgarten um, an dessen Tür die ganze Familie winkend steht.

Ich habe mich heute für eine kürzere Tour entschieden, werde nicht dem E11 über Grubo und den Hagelberg (der mit 201 m höchste Berg des kleinsten Mittelgebirges Deutschland) folgen. Bei dem Regen macht das keine Freude. Ich nehme die alte Heerstraße, die direkt auf Belzig zugeht ... und das erweist sich als tragisch. Der Feld- und Waldweg ist mit vielen Pfützen übersät. Oft muss ich auf die Grasfläche in der Mitte ausweichen, was natürlich meine Kleider wieder durchnässt. Auch die Schuhe sind nun sichtlich nicht mehr dicht, durch eine offene Naht kann ich schon 2 Finger stecken.

Nach der auf der Karte eingezeichneten Schutzhütte, wo ich das erste Mal die Socken wechsele, möchte ich zunächst auf die Straße mit einem kleinen Umweg ausweichen. Doch da peitscht mir der Regen direkt ins Gesicht. So denke ich mir: "Nasse Füße hast Du eh' schon, also Zähne zusammenbeißen und durch!" Aber es kommt noch schlimmer: Das Kleid samt Unterkleid trieft bald bis zu den Knien, der klitschnasse Stoff schlägt mir schmerzhaft um die nackten Beine. Irgendwann schlage ich mich doch auf dem kürzesten Weg zur Straße durch. Auf einem asphaltierten Radweg bete ich, noch eine Hütte zu finden. Nach insgesamt 11 km erreiche ich auch eine, wechsele zum 3. Mal meine Socken und auch das triefende Unterkleid. Mein braunes "Planen-Überkleid" hänge ich kurz unter das Dach zum Trocknen und ziehe es wieder über.

In Belzig nehme ich mir keine Zeit, Stadt und Burg zu besichtigen. Wer will das schon mit nassen Schuhen. Bis zum Hotel sind es noch 5 km. Dort angekommen, lasse ich mir Zeitungen geben und dann beginnt mein Trocknungs-Ritual.

Beim Abendessen überreicht man mir Fotos und Presseberichte, die das Ehepaar Kästner für mich abgegeben hat. Eine schöne Überraschung und Entschädigung für einen verkorksten Tag.
Die "Springbachmühle" ist übrigens ein sehr schönes Hotel und wäre die ideale Umgebung für eine Erzählveranstaltung gewesen. Schade, dass man hier auf meine Anfrage vor der Wanderung nicht einmal reagiert hat. Ich verbringe aber eine der schlechtesten Nächte ... wohl wegen des Abendessens (Ich hatte mich für Leber mit Zwiebeln entschieden) und des feuchten Klimas in meinem Zimmer, trotz geöffneten Fenster.

  02.06.2010 - Moderne Wegelagerer unterwegs ...
22. Etappe - Von Belzig-Springbachmühle nach Borkheide - 25 km

Heute wird es wohl der letzte kühle und (Niesel-)Regentag. Ich folge dem größtenteils asphaltierten Radweg R1 in Richtung Beelitz/Ferch. Das ist vielleicht auch besser als auf dem E11 über Golzow/Lehnin, denn meine löchrigen Schuhe sind wirklich nichts mehr für nasse Waldwege. Es geht ja schließlich durch märkischen Sand und dunkle Kiefernwälder ... In der Zauche leben übrigens die größten flugfähigen Vögel hier - die Großtrappen. Ich habe jedoch keine gesehen.

Wer in Trebitz dem Wegweiser "Zickenwiese" folgt, der findet an der "kleinen Plane" ein reizendes kleines Wandergebiet. Schmale Pfade und bewachsene, individuell gestaltete Hütten(da könnte man erzählen!) und daneben fließt ruhig der Bach. An und in dem Bach wachsen Farne, Lilien, Wiesenblumen. Viele Tafeln über Tiere und Pflanzen machen neugierig. Zu verdanken ist das alles wohl einem Herrn Tangnatz, dem auf einer Tafel im Gedicht als "Planekönig" gehuldigt wird. (Der Bach - die Plane - war wohl bis vor wenigen Jahren total versandet und dann kamen wohl immer diese Sätze wie "Kein Geld - keine Leute - keine Zeit". Er hat dann wohl die Sache einfach angepackt).

Im Brücker Ausbau kommt mir eine Radfahrergruppe entgegen und man ruft mir zu: "Sie sind heute groß in der Zeitung ..." "Eine flotte Wanderin ..." "Bis heute abend ..." - Oh, sollte man mich in Borkheide im Fliegerheim zum Spontan-Erzählen erwarten?

Kurz vor Neuendorf stellt sich mir dann ein "Wegelagerer" mit dem Auto in den Weg - einfach quer auf den Radweg. Schon von weitem macht er Fotos ... "Welchen Wegezoll verlangt Ihr?" rufe ich ihm lachend entgegen. Er weist sich als Reporter der "märkischen Allgemeinen" aus und hat ein paar Fragen, nachdem er von Herrn Kästner den Bericht zu Raben bekommen hat. Gerne beantworte ich sie ihm.

Im Hotel lasse ich mir dann die Zeitung geben. Da steht doch glattweg drin, dass ich um 18 Uhr im "Fliegerheim" erzähle. Das ist mir ehrlich gesagt ein wenig peinlich, denn es war mit diesem Hotel nichts abgesprochen (da ich mich erst kurz vor dem Start meiner Wanderung entschlossen hatte, die Route über Borkheide zu führen) ... doch es kommt gar keiner!

So esse ich (lasse mir den Rest der Brotzeit für morgen einpacken) und trinke 3 Köstritzer Bier. Danach habe ich die beste Nacht der Wanderung verbracht - tief und fest geschlafen.

 03.06.2010 - Märkische Heide, märkischer Sand ...
23. Etappe - Von Borkheide nach Ferch - 14 km

Blauer Himmel, Sonnenschein und Vogelgezwitscher machen mir den Abschied von der wunderschön gelegenen Siedlung Borkheide schwer. (Das Foto - aufgenommen von Angelika Spielberger - stammt nicht von der Wanderung, aber so ungefähr habe ich mich gefühlt.)

Auf halben Weg nach Beelitz-Heilstätten spricht mich ein Radfahrer an. Es stellt sich heraus, dass er kurz vorher an mir vorbeigefahren und dann wieder umgekehrt ist ... weil wir uns vor 3 Tagen schon einmal begegnet waren.

Es war in Rädigke im Lehnschulzengasthof. Dieser Radfahrer, der sich mir als Herr Menke vorstellt, war einer der Männer im Hinterzimmer, die mit dem Wirt verhandelten. Nun erzählt er mir einiges über die Geschichte von Beelitz-Heilstätten - das denkmalgeschützte Gelände des ehemaligen Lungenlazaretts und Sanatorium. Obwohl ich ja früher in der Nähe gewohnt hatte, war mir vieles nicht bekannt. Ich hatte mich einfach nicht dafür interessiert und das Gelände war ja auch damals von den "Russen" besetzt.

In Beelitz selbst treffe ich dann noch Irene Krause, eine Gästeführerin, die ursprünglich aus Franken kommt und mit viel Liebe und Hingabe von ihrer neuen Heimat spricht.

Auf dem R1 gelange ich schließlich in das Künstlerdorf Ferch. Vorbei an der Obstkistenbühne, in der ich so manchen bewegten und bewegenden Sommerabend verbracht habe ... komme ich zur Bootsklause. Hier bin ich mit Bernd und Richard verabredet. Auf der windigen Terrasse gönne ich mir einen Eisbecher und schaue träumend über den See. Als ich gerade fertig bin, kommen die beiden und so brauche ich wenigstens nicht die Rechnung zahlen ;-)

Das erste, was mein Sohn herausplatzt: "Unser Auto ist total dreckig! Bis auf das Dach!" ... Die Männer konnten natürlich auf den teilweise unbefestigten Straßen der Gegend den Pfützen nicht wiederstehen.

 04.06.2010 - steiler Anstieg 126 Meter über NN - ungelogen! Der Wietkiekenberg ...
24. Etappe - Von Ferch nach Potsdam - 16 km

Wir haben die Nacht in Weseram bei Brandenburg verbracht. Dort wohnen sowohl die Schwestern von Bernd als auch meine Schwiegermama. Um 09:20 Uhr setzt mich mein Mann wieder in Ferch an der Bootsklause ab und ich mache mich auf, die letzten 16 km meiner Wanderung zu bewältigen.

Auf dem E11 geht es zuerst zum Wietkiekenberg ... die höchste Erhebung in Potsdams Umgebung. Offensichtlich kommt der Name von "weit kieken". Der Anstieg ist wie auf dem Treisberg, obwohl es praktisch nur ein "Hügel" im Vergleich zum Taunus ist. Oben auf dem Gipfel steht ein Feuerwachturm.

Von dort geht es durch den Wald nach Ferch-Lienewitz und zu den gleichnamigen Seen. Dann am Caputher See entlang. In Caputh "zische" ich ein Werderaner Kirschbier ... nun ist er endlich da, der Sommer! Dann gehe ich die Straße entlang zum Templiner Eck (eigentlich hätte ich oben im Wald laufen sollen, aber diese Straße ist mir so vertraut von früher, sie geht am Badestrand vorbei.) Ein Radfahrer-Paar hält an. Die Frau meint, sie hätte mich gestern in der Zeitung gesehen. Sie ist beeindruckt, beide wünschen mir alles gute.

An der Speicherstadt Potsdam (hier hat mein Opa früher gearbeitet und ich durfte als 5 - 6jährige manchmal dabei sein) kommen mir Bernd und Richard entgegen. Gemeinsam gehen wir auf die Nikolai-Kirche zu. Ich fühle mich auf einmal sehr ergriffen ... und kann gar nicht glauben, dass ich es jetzt wirklich und wahrhaftig geschafft habe.

Eine Frau kommt auf uns zu ... Presse?
Nein, sie stellt sich mir als "Gartenresie von den MPlern" vor (ein Internet-Forum, in dem schon seit Jahren gelegentlich schreibe und in dem meine Wanderung schon die ganze Zeit verfolgt wurde, soweit das möglich war). Sie ist extra aus Hamburg gekommen, um mich im Namen aller zu begrüßen!!! Ich kann es gar nicht fassen ... eine Frau, die ich noch niemals gesehen und mit der ich mich bis jetzt jedenfalls auch noch nicht viel online unterhalten habe, fährt mit ihrem Mann 5 Stunden nach Potsdam, um mich zu empfangen ...

Wir gehen in die Kirche. Ich habe das drängende Bedürfnis, "Danke!" zu sagen. "Der Herr hat Gnade gegeben zu meiner Reise." - Das waren die Worte der Beckerin, als sie in Potsdam ankam. Ja, so ist es. Und ich bin froh darüber, dass keine Presse da ist und kein "großer Bahnhof" veranstaltet wird. So kann ich diesen Moment wirklich für mich erleben!

Der kleine Hund, den mir "Resi" schenkt, bekommt den Namen "Waldmeister" und sitzt nun in unserem Auto. Als Dank erzähle ich den beiden eine Geschichte mit meinem Kamishibai ... einfach hier auf den Stufen der Nikolai-Kirche.

Dann verabschieden wir uns, denn ich habe ja noch einen Erzähl-Termin in Potsdam-Drewitz im "Kinderprojekt Arche". Als wir gerade los fahren wollen, klingelt mein Handy. Heike, eine ehemalige Auszubildende von mir ... und später dann auch mal meine Schwangerschaftsvertretung als Ausbilderin ... ist noch zu meiner Begrüßung gekommen. Sie steht am Obelisk, ich kann sie sehen. Wir nehmen sie einfach mit nach Drewitz.

Die Veranstaltung in der "Arche" verläuft ein wenig konfus und hektisch ... und hinterher bin ich einfach nur noch müde.

Doch nie werde ich den Moment der Ankunft auf dem Alten Markt in Potsdam vergessen ... es war, als würde ich über dem "Fortuna-Portal" (früherer Eingang des Stadtschlosses von Potsdam gegenüber der Nikolai-Kirche) schweben.

 05.06.2010 - Beim "Soldatenkönig" und den "Langen Kerls"
Epilog im Krongut von Potsdam-Bornstedt

Am Samstag sind wir dann noch einmal von Weseram aus nach Potsdam gefahren. Ich hatte einfach Lust, mir meine frühere Heimatstadt so als "Privatperson" ... nicht in Gewandung einer Erzählerin ... anzusehen. Das Wetter war ja auch so wunderbar. Und so sind wir erst einmal durch den Park Sanssouci gelaufen. Zwischendurch  kehrten wir in einem Eiscafé ein und dabei fiel mir ein Flyer in die Hände, der vom "Lange Kerls e.V" - Der Verein besteht seit 20 Jahren und widmet sich der Traditionspflege der Potsdamer Leibgarde des "Soldatenkönigs". Und in dem Prospekt stand nun, dass an diesem Samstag die regelmäßigen öffentlichen Exzerzierübungen auf dem Krongut Potsdam-Bornstedt stattfinden. "Da muss ich hin!" - meinte ich sofort. Bernd hatte nichts dagegen, nur Richard murrte: "Ist doch langweilig!" - Doch er wurde einfach überstimmt.

Und da traf ich ihn dann: Friedrich Wilhelm I, genannt der "Soldatenkönig". Er unterhielt die Gäste der Taverne gerade mit Erzählungen aus seinem Leben und dem seines Sohnes Friedrich II ("Alte Fritz") - Ich lauschte aufmerksam, denn er verstand es wirklich gut, die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. Und er bestätigte mir in seinem Vortrag vieles aus meinen Geschichten. Schließlich wagte ich es, mich Seiner Majestät auch vorzustellen, als eine Frau aus dem "Nassauischen", die zu Fuß nach Potsdam gewandert sei, auf den Spuren eines seiner "Langen Kerls"

Der König schaute mich freundlich an: "Wie lange seid Ihr unterwegs gewesen, Madame?" Und als ich ihm antwortete, dass es ein ganzer Monat gewesen sei, da zollte er mir die größte Anerkennung.

Ich erfuhr in unserem Gespräch auch Neues, z. B. dass die "Langen Kerls" gegenüber anderen Soldaten Privilegien hatten, z. B. "das Maul aufzumachen" - also zu sagen, was sie denken. Oder dass sie nach ihrem Dienst, der von Sonnenaufgang bis zur 2. Nachmittagsstunde dauerte, ihrem normalen Gewerbe nachgehen konnten. Sie führten also ein recht gutes Leben und viele wollten gar nicht zurück in ihre Heimat.

Somit ist eben auch die Variante des Endes der Geschichte vom "Langen Strumpfstricker" durchaus denkbar, dass er nach Beendigung seiner Dienstzeit in Potsdam geblieben ist und nach dem Tod seiner geliebten Jeannette (bei der Geburt des 2. Kindes) dort wieder geheiratet hat. Zumal in Potsdam-Babelsberg sogar um diese Zeit ein ganzes Weber-Viertel gebaut wurde.


(08.07.2010) Bei der Schilderung zur letzten Etappe fehlt eine Begebenheit, die ich bisher noch nicht beschrieben habe. Und doch beschäftigte sie mich noch tagelang - ja auch jetzt noch. Deshalb leite ich damit hier an dieser Stelle sozusagen meine persönlichen Abschluss-Gedanken ein:

Im "Kinderprojekt Arche" wurde ich von einem etwa 10jährigen Mädchen angesprochen, ob ich wirklich die ganze Strecke gelaufen bin. Wir haben uns eine Weile unterhalten und ich beschrieb ihr auch, wie lang der Weg gewesen ist und einiges von dem, was ich unterwegs gemacht hatte. Plötzlich fragte sie mich: "Ich dachte immer, so etwas machen nur Behinderte?" Ich war total verblüfft und wollte wissen, was sie damit meint. Sie erklärte mir, dass eben Menschen, die "nichts zu tun hätten", eben "Menschen mit Langer Weile" nur auf die Wanderschaft gehen würden. Nun hätte ich gerne gewusst, warum sie solche Menschen eben mit Behinderung in Verbindung bringt, doch das konnte sie mir nicht erklären.

Ich wurde sehr, sehr nachdenklich und ich habe mich im Nachhinein mit meinem Mann, meinem Sohn und auch Freunden unterhalten. Kann es sein, dass im Umfeld dieses Mädchens von "geistig Behinderten", "Bekloppten", "Irren", "nicht mehr ganz normalen" die Rede ist, wenn Menschen andere Ansichten haben, als man selbst ... wenn sie sich anders verhalten als es eben von der Gesellschaft heute als "normal" angesehen wird?

Bemerkenswert war für mich auch, dass - kurz nachdem ich einmal diese Begebenheit im Bekanntenkreis erzählt hatte - der Sohn von Freunden auch die Meinung eines anderen als "spastisch" bezeichnete. Ich wurde sofort hellhörig und habe ihn gefragt, ob ihm bewusst ist, was er da gerade sagte ... ob ihm dazu wieder meine Geschichte einfällt. Er war überrascht ... und als ich den Bezug zur "behindert" erwähnte, wurde er betroffen. Und da wurde mir wieder bewusst: Gehen wir vielleicht oft zu achtlos mit unseren Gedanken und daraus resultierend mit unseren Worten um?

Und während ich das hier schreibe, fällt mir auch wieder der Fall unseres "Einsiedlers" ein, über den ich gestern erst mit einer Dorfbewohnerin sprach. Auch sie vermisst die menschliche Seite bei den behördlichen Entscheidungen. Könnte es sein, dass auch über den "Einsiedler" einige sagen, dass er "nicht ganz richtig im Kopf" ist?

Stefan Habig (ein Dorfbewohner von uns, dessen wunderschöne Steintürme in den Wäldern unserer Umgebung ich immer so sehr bewundere) hat den "Einsiedler" in dem Zeitungsartikel als "Freigeist" bezeichnet. Ich würde mich geehrt fühlen, wenn dies später ... in vielen Jahren, wenn ich wirklich alt und grau bin ;-) ... jemand über mich sagt. 

Als ich die Idee zu dieser Wanderung hatte, da war mein Ziel: Wenn ich in Potsdam ankomme, dann werde ich 550 km "auf Schusters Rappen" hinter mir haben. Das wird eine Leistung sein, die ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht für möglich gehalten habe. Ich werde erleben, wie eine Frau sich fühlt, die alleine auf sich gestellt ist. Am Ende werde ich wissen, was ich mit Liebe, Leidenschaft und Begeisterung erreichen kann - wie weit ich für die Liebe und mit ihr im Herzen gehen würde ...

Heute weiß ich: Ich würde wirklich sehr, sehr weit gehen!


 Geschichtenwanderung quer durch Deutschland kurz vor dem Start
Presseinfo - April 2010

"Auf Schusters Rappen" vom Taunus bis an die Havel 
Presseinfo - September 2009

"Nach 200 km Fußmarsch" - Seite 1
Pressebericht aus Wanfried - 
                                  ... und Seite 2

"Aus Liebe zum Langen Kerl"
Presseinfo Helga Kästner, Bad Belzig

"Zu Fuß vom Taunus bis Potsdam"
Presseinfo Helga Kästner, Bad Belzig